Bausteine für die Einheit der Christen

Heft 188, Advent 2011, 51. Jahrgang

Inhalt

Vorwort 1

Für Naturrecht und Menschenwürde. 2

Was uns Luther bedeutet 3

Die Kirche muss sich „entweltlichen“. 5

Protestantische Papstbelehrer und ein souveräner Papst 6

Abnehmender Konsens. 7

Kardinal Koch zur ökumenischen Lage. 9

Verleugnung von Schrift und Bekenntnis. 10

Ein gutes neues Konsensdokument 11

Keine Frage der Höflichkeit 12

200 Jahre schwarzer Talar. Muss das immer sein?. 14

Bleibendes Menetekel: Bernhard Philberths Deutung der Offenbarung des Johannes. 16

Gemeinsames statt „allgemeines“ Priestertum.. 22

Nachruf. 23

Impressum.. 23

 

Vorwort

Liebe Schwestern und Brüder,

ganz herzlich möchte ich Sie alle im Namen des Vorstands unseres Bundes für ev.-kath. Einheit in dieser Adventszeit grüßen. Für das bevorstehende Weihnachtsfest wünschen wir Ihnen Gottes Segen!

Zugleich endet bald das Kalenderjahr und es wird an vielen Orten Rückschau gehalten. Wir wollen dies auch im ersten Teil dieses Heftes tun und das bedeutendste ökumenische Ereignis des Jahres 2011 in den Blick nehmen: Den Besuch des Papstes in Deutschland. Benedikt XVI. hat hierbei souverän und zugleich in seiner unverwechselbar bescheidenen Art viele Punkte angesprochen, die nicht nur für römisch-katholische, sondern auch für die evangelischen Christen von großer Bedeutung sind. Hierbei ging es ihm vor allem um das Wirken der Christen im Kontext der säkularisierten Welt. Er warnt dabei vor einer „Verdünnung des Glaubens“, die durch eine Anpassung der Kirche geschehen würde. Stattdessen sieht Benedikt XVI. es als vordringlich ökumenische Aufgabe an, den von „innen gelebten Glauben“ neu zu stärken. Wenn dies passiert, werden die Christen auch immer stärker in der Ökumene zusammenfinden. „Aber nicht Verdünnung des Glaubens hilft, sondern nur ihn ganz zu leben in unserem Heute. Dies ist eine zentrale ökumenische Aufgabe, in der wir uns gegenseitig helfen müssen: tiefer und lebendiger zu glauben. Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube, durch den Christus und mit ihm der lebendige Gott in diese unsere Welt hereintritt.“ Man merkt diesen Worten an, dass es dem Papst nicht um eine oberflächliche /Wir-haben-uns-doch-alle-so-lieb-Ökumene/ ging, wie sie uns manchmal auf Kirchentagen begegnet, sondern um das Wachsen im Glauben in einer Umgebung, die Gott immer ferner steht. Der Leitsatz des Deutschland-Besuches „Wo Gott ist, da ist Zukunft“  wurde von Benedikt XVI. an den verschiedenen Orten seines Auftretens immer wieder neu entfaltet. Dies war genau das Salz von dem Jesus in Bezug auf das Wirken der Christen in der Welt sprach (Mt5,13). Die Öffentlichkeit, die im Vorfeld mit den verschiedensten und überzogensten Erwartungen medial aufgeputscht wurde, wollte natürlich anderes von ihm hören. Doch Benedikt XVI. passte sich hier nicht an, sondern blieb bei seiner klaren Botschaft.

Gerade der deutschen evangelischen Kirche war dies zu wenig. Bei einigen Vertretern hatte man den Eindruck, sie nehmen dem Papst übel, dass er katholisch ist und würden ihn gern evangelischer machen. Das Eigenartige ist, dass man meint, dies würde die Probleme in der katholischen Kirche lösen. Das Jesus-Wort von dem Splitter im Auge des Anderen und dem Balken im eigenen wäre hier wohl angebracht (Mt. 7,3). Die evangelische Kirche hat, obwohl sie die meisten Forderungen, die an den Papst gestellt wurden in der eigenen Kirche umgesetzt hat, nicht weniger Schwierigkeiten. Zum anderen wird immer wieder übersehen, dass der Papst das Oberhaupt einer Weltkirche ist und deshalb einen weitaus größeren Blickwinkel haben muss. Es verwundert, wie selbstverständlich manche die deutsche liberale evangelische Theologie mit ihrer „politischen Korrektheit“ zum allgemeinen Maß für die Welt erheben.

Das Treffen Benedikts XVI. mit evangelischen Kirchenvertretern in Luthers ehemaligem Kloster tat der Ökumene in Deutschland gut, auch wenn es keine - von vielen geforderten - abrechenbaren „Ergebnisse“ gab. Es hat gezeigt, dass Einheit wächst, wo man sich über die Gemeinsamkeiten verständigt ohne die Unterschiede zu verschweigen. „Das Notwendigste für die Ökumene ist zunächst einmal, dass wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind. ... Der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln. ... Nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit.“

Im Gebet um die Einheit der Kirche bleibt Ihnen herzlich verbunden

Ihr Pfarrer Ferry Suárez

Crimmitschau, am Fest 8. Dezember 2011

Zitate entnommen aus der PRESSEINFORMATION, PAPSTBESUCH 2011 Freitag, 23. September 2011

Gespräch mit Vertretern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Augustinerkloster Erfurt, Hrsg. P. Dr. Hans Langendörfer SJ Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz Kaiserstraße 161, 53113 Bonn,

Postanschrift: Postfach 29 62, 53019 Bonn,

Home: www.dbk.de www.papst-in-deutschland.de

 

Für Naturrecht und Menschenwürde

Zur Rede von Papst Benedikt im Bundestag, 29 September 2011

Von Hansjürgen Knoche

der Papst wollte in dieser Rede klarmachen, dass parlamentarische Mehrheitsentscheidungen allein nicht ausreichen, wenn es um Fragen der Menschenrechte und der Menschenwürde geht. Gewissermaßen als Leitmotiv seiner Ausführungen zitierte er das Wort Augustins: „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“. Hier sei zu fragen: „Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden?“ Für die Entwicklung des Rechts der Humanität sei es entscheidend gewesen, dass sich die Kirche „auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt“ habe. Er verteidigte nachdrücklich die katholische Naturrechtstradition gegen „das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur und Vernunft“. Ein rein positivistischer Naturbegrifft könne keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Damit seien dann aber die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Die positivistische Weltsicht sei zwar „ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen“, aber keine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. „Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit“.

Papst Benedikt erinnerte in diesem Zusammenhang an die in den 70er Jahren entstandene ökologische Bewegung, in der junge Menschen erkannt hätten, „dass irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen ... Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten“. Es gebe nun aber auch „eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann“. Der Mensch sei „Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat“. [In diesem Zusammenhang sprach der Papst außerhalb des veröffentlichten Manuskripts ausdrücklich den unbegrenzten Schutz des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende und die moralische Problematik der Präimplantations – Diagnostik an]. Es sei notwendig zu bedenken, dass die „objektive Vernunft“, die sich in der Natur zeige, eine „schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus [Schöpfer Heiligen Geist] voraussetze. Von daher sei im kulturellen Erbe Europas „ die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden“. Diese europäische Kultur sei „aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen

dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen, Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist“.

Papst Benedikt schloss mit den Worten: „Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden [Anm.: vgl. 1 Kön 3,9]. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt wäre? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden“.

[Quelle dieses und der beiden folgenden Beiträge: Presseamt des Heiligen Stuhls und eigenes Stenogramm]

Was uns Luther bedeutet

Zur Rede Papst Benedikts beim Ökumene-Treffen am 29 September

2011

Von Hansjürgen Knoche

Der Besuch des Papstes im Augustiner-Kloster zu Erfurt mit einem (nicht öffentlichen) theologischen Kolloquium und einem anschließenden gemeinsamen Wortgottesdienst ist von fast allen Beteiligten als ein Ereignis von hoher ökumenischer Bedeutung begrüßt worden. Allein schon die Tatsache, dass der Papst diese Einladung angenommen habe, womit man nicht unbedingt gerechnet habe, sei eine symbolische Geste. Besonders beeindruckt haben die warmen Worte, mit denen der Papst dem persönlichen Ringen Luthers Respekt erwiesen hat. Es sei für ihn als Bischof von Rom ein bewegender Augenblick, hier im alten Augustinerkloster zu Erfurt mit Vertretern der EKD zusammenzutreffen. „Hier hat Luther Theologie studiert. Hier ist er 1507 zum Priester geweiht worden... und sich auf den Weg zum Priestertum in der Ordensgemeinschaft des heiligen Augustinus gemacht... Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist. ‚Wie kriege ich einen gnädigen Gott‘. Diese Frage hat ihn ins Herz getroffen und stand hinter all seinem theologischen Suchen und Ringen. Theologie war für ihn keine akademische Angelegenheit, sondern das Ringen um sich selbst, und dies wiederum war ein Ringen um Gott und mit Gott. Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Dass diese Frage die bewegende Kraft seines ganzen Weges war, trifft mich immer neu“.

Mit leiser Ironie sagte Papst Benedikt, er wisse, dass manche irgend ein „ökumenisches Gastgeschenk“ von ihm erwartet hätten [der Bundespräsident hatte in seiner Begrüßungsansprache auf dem Flughafen ziemlich deutlich die Zulassung wieder verheirateter Geschiedener Eucharistie angesprochen; vergleiche im Übrigen den späteren Beitrag über die „Papstbelehrer“]. Das sei aber „ein politisches Missverständnis“. Bei der Vorbereitung weltlicher Staatsbesuche würden zwar Vereinbarungen ausgehandelt, die dann während des Besuchs unterzeichnet würden. Der Glaube sei aber nicht in dieser Weise verhandelbar.

Der Papst fragte dann, was die Frage, die Luther so umgetrieben habe, für die Christen heute bedeute. Die meisten setzten doch heute voraus, „dass Gott sich für unsere Sünden und Tugenden letztlich nicht interessiert... Sofern man heute überhaupt an ein Jenseits und ein Gericht Gottes glaubt, setzen wir doch praktisch fast alle voraus, dass Gott großzügig sein muss und schließlich mit seiner Barmherzigkeit schon über unsere kleinen Fehler hinweg schauen wird“. [Bei diesen Worten erinnert man sich, wie schon Dietrich Bonhoeffer den „Ausverkauf billiger Gnade“ in der heutigen Kirche kritisiert hat!] „Aber“, fragte Benedikt weiter, „ sind sie eigentlich so klein, unsere Fehler? Wird nicht die Welt verwüstet durch die Korruption der Großen, aber auch der Kleinen, die nur an ihren eigenen Vorteil denken? Wird sie nicht verwüstet durch die Macht der Drogen, die von der Gier nach Leben und nach Geld einerseits, andererseits von der Genusssucht der ihr hingegebenen Menschen lebt? Wird sie nicht bedroht durch die wachsende Bereitschaft zur Gewalt, die sich nicht selten religiös verkleidet? Könnten Hunger und Armut Teile der Welt so verwüsten, wenn in uns die Liebe zu Gott und von ihm her die Liebe zum Nächsten, zu seinen Geschöpfen, den Menschen, lebendiger wäre?“ Deshalb müsse die brennende Frage Martin Luthers wieder, wenn auch in neuer Form, auch zu unserer Frage werden.

Auf die mögliche Frage, was dies mit der gegenwärtigen ökumenischen Situation zu tun habe, antwortete Benedikt: „Das Notwendigste für die Ökumene ist zunächst einmal, dass wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind. Es war der Fehler des konfessionellen Zeitalters, dass wir weithin nur das Trennende gesehen und gar nicht existentiell wahrgenommen haben, was uns mit den großen Vorgaben der Heiligen Schrift und der altchristlichen Bekenntnisse gemeinsam ist. Es ist der große ökumenische Fortschritt der letzten Jahrzehnte, dass uns diese Gemeinsamkeit bewusst geworden ist und dass wir sie im gemeinsamen Beten und Singen, im gemeinsamen Eintreten für das christliche Ethos der Welt gegenüber, im gemeinsamen Zeugnis für den Gott Jesu Christi in dieser Welt als unsere unverlierbare Grundlage erkennen“. Es bestehe aber die Gefahr, diese Gemeinsamkeiten zu verlieren. Die Kirchen würden gemeinsam konfrontiert mit „einer neuen Form von Christentum, die mit einer ungeheuren und in ihren Formen manchmal beängstigenden missionarischen Dynamik sich ausbreitet... Es ist ein Christentum mit geringer institutioneller Dichte, mit wenig rationalem und mit noch weniger dogmatischem Gepäck, auch mit geringer Stabilität. Dieses weltweite Phänomen stellt uns alle vor die Frage: Was hat diese neue Form von Christentum uns zu sagen, positiv und negativ? Auf jeden Fall stellt es uns neu vor die Frage, was das bleibend Gültige ist und was anders werden kann oder muss – vor die Frage unserer gläubigen Grundentscheidung“. [Damit spielte der Papst auf die in fast allen Teilen der Welt rapid wachsenden evangelikalen und pfingstlerischen Gruppen und Bewegungen an, die teilweise zu sektiererischen Entwicklungen und damit zur „Verdünnung des Glaubens“ führen]. „Aber nicht Verdünnung des Glaubens hilft, sondern nur, ihn ganz zu leben in unserem Heute. Dies ist eine zentrale ökumenische Aufgabe. Dazu sollten wir uns gegenseitig helfen: tiefer und lebendiger zu glauben... Wie uns die Märtyrer der Nazizeit zueinander geführt und die erste große ökumenische Öffnung bewirkt haben, so ist auch heute der in einer säkularisierten Welt von innen gelebte Glaube die stärkste ökumenische Kraft, die uns zueinander führt, der Einheit in dem einen Herrn entgegen“.

 

Die Kirche muss sich „entweltlichen“

Zur Rede Papst Benedikts in Freiburg am 29 September 2011

Von Hansjürgen Knoche

In dieser Grundsatzrede hat der Papst sozusagen der katholischen Kirche in Deutschland etwas die Leviten gelesen. Er sprach von dem seit Jahrzehnten zu erlebenden „Rückgang der religiösen Praxis“ und einer „zunehmenden Distanzierung beträchtlicher Teile der Getauften vom kirchlichen Leben“. Müsse die Kirche sich also ändern sich „in ihren Ämtern und Strukturen der Gegenwart anpassen, um die suchenden und zweifelnden Menschen von heute zu erreichen?“ Mutter Teresa habe einmal auf die Frage, was sich ihrer Meinung nach als erstes in der Kirche ändern müsse, geantwortet: „Sie und ich!“. Alle Christen und die Kirche als Ganzes seien „zur stetigen Änderung aufgerufen“ [man denke an die reformatorische Formel „ecclesia semper reformanda“!]. Die Kirche müsse sich der apostolischen Sendung der Jünger und der Kirche selbst immer wieder neu vergewissern. Durch die „Ansprüche und Sachzwänge der Welt“ werde dieses Zeugnis immer wieder verdunkelt, „die Beziehungen entfremdet und die Botschaft relativiert“. Wenn, wie Papst Paul VI. in der Enzyklika Ecclesiam Suam sagte, die Kirche „danach trachtet, sich selbst nach dem Typus, den Christus ihr vor Augen stellt, zu bilden, dann wird sie sich von der menschlichen Umgebung tief unterscheiden, in der sie doch lebt oder der sie sich nähert“. Daraus folgert Papst Benedikt: „Um ihre Sendung zu verwirklichen, wird sie [die Kirche] auch immer wieder Distanz zu ihrer Umgebung nehmen müssen, sich gewissermaßen ‚ent-weltlichen‘“. [„Entweltlichung“ der Kirche wird von fast allen Kommentatoren als das „Schlüsselwort“ dieser Rede verstanden!].

Die Kirche habe „nichts aus Eigenem gegenüber dem, der sie gestiftet hat, so dass sie sagen könnte: Dies haben wir großartig gemacht! Ihr Sinn besteht darin, Werkzeug der Erlösung zu sein, sich von Gott her mit seinem Wort durchdringen zu lassen und die Welt in die Einheit der Liebe mit Gott hineinzutragen“. Deshalb müsse sie „sich fortwährend in den Dienst der Sendung stellen, die sie vom Herrn empfangen hat“, und „sich immer neu den Sorgen der Welt öffnen, zu der sie ja selber gehört, sich ihnen ausliefern, um den heiligen Tausch, der mit der Menschwerdung begonnen hat, weiterzuführen und gegenwärtig zu machen“. In den geschichtlich entstandenen Formen der Kirche zeige sich „jedoch auch eine gegenläufige Tendenz, dass die Kirche zufrieden wird mit sich selbst, sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam ist und sich den Maßstäben der Welt angleicht“. Organisation und Institutionalisierung hätten dann mitunter größeres Gewicht als die geistliche Berufung.

Die geschichtlichen Epochen der Säkularisierung mit den Enteignungen von Kirchengütern, Verlusten von Privilegien u. ä. hätten daher der Kirche gegen Tendenzen der Verweltlichung geradezu geholfen. Sie „bedeuteten nämlich jedes mal eine tiefgreifende Entweltlichung der Kirche, die sich dabei gleichsam ihres weltlichen Reichtums entblößt und wieder ganz ihre weltliche Armut annimmt... Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben“. Jedenfalls, betonte der Papst, gehe es hier nicht um irgendeine Taktik um der Kirche wieder mehr Geltung zu verschaffen. Es gehe vielmehr darum, „jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdrängt, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht, eben dadurch dass sie ihn ganz in der Nüchternheit des Heute lebt, ... indem sie das von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheit ist“. Auch die karitativen Werke der Kirche hätten sich „immer neu dem Anspruch einer angemessenen Entweltlichung zu stellen, sollen ihr nicht angesichts der zunehmenden Entkirchlichung ihre Wurzeln vertrocknen“

[Diese Rede hat natürlich Rätselraten, verschiedene Vermutungen und Besorgnisse ausgelöst: Ist der Papst für die Abschaffung des international ziemlich einmaligen zwangsweisen Kirchensteuereinzugs durch den Staat? Rom favorisiert angeblich eine für alle Steuerpflichtigen geltende Kultursteuer, wobei der Steuerzahler wählen kann, welcher Institution sie zugute kommen soll. Dieses System ist sicherlich gerechter. Sollen vielleicht auch die zum Ausgleich für die Säkularisierungen der Kirchengüter entstandenen staatlichen Kirchenbaulasten und anderen Zuschüsse durch Vereinbarung abgelöst werden? Mit solchen oder ähnlichen praktischen Konsequenzen wird wohl in absehbarer Zeit zu rechnen sein.]

 

Protestantische Papstbelehrer und ein souveräner Papst

Von Hansjürgen Knoche

Erstaunlich war, welche Forderungen, zum Teil in einem harsch belehrenden Ton, an den Papst aus Anlass seines bevorstehenden Deutschlandbesuchs gestellt wurden: Er solle endlich die Partnerschaft Homosexueller als legitime christliche Lebensform anerkennen. Er solle sich immer noch einmal wieder für die 0,1 % aller Missbrauchsfälle, die nach den Angaben des Kriminologischen Forschungsinstituts von Professor Pfeiffer in Hannover der katholischen Kirche anzulasten sind, öffentlich entschuldigen. Er solle mehr Mut zu allen möglichen Reformen zeigen, vor allem endlich den Zölibat abschaffen. Er solle endlich den Weg zur Abendmahls-Gemeinschaft freimachen. Er solle wieder verheiratete Geschiedene zur Eucharistie zulassen. Er solle gefälligst nicht im Bundestag reden. Ganze Bücher mit solchen und weiteren Ratschlägen lagen rechtzeitig vor. Die neueste Mode war die Anrede „lieber Bruder in Rom“ ungeachtet der Tatsache, dass es in Rom viele tausende christlicher Brüder gibt. Hier wurde die altehrwürdige Anrede von Christen untereinander nur gebraucht, um dem Papst eine geziemende Anrede zu verweigern!

Das evangelische Monatsmagazin Chrismon, das jährlich mit einer hohen Summe aus Kirchensteuermitteln subventioniert wird, hatte zur Vorbereitung des Papstbesuchs einen Auszug aus dem Buch „Unter Ketzern. Warum ich evangelisch bin“ seines Chefredakteurs Arnd Brummer veröffentlicht, der von wüsten Angriffen auf die katholische Kirche und den Papst persönlich strotzte. Die Herausgeber hatten dazu erklärt, sie mischten sich nicht in die Tagesgeschäfte der Redaktion ein. Landesbischof Johannes Friedrich der zum Herausgeberkreis gehört, bekommt übrigens aus Anlass seiner Pensionierung einen Ökumenepreis.

Die Forderung nach Anerkennung der evangelischen Landeskirchen als Kirchen im vollen Sinn und nach Herstellung voller Abendmahls-Gemeinschaft ist nur die Spitze des Eisbergs (vgl. den Überblick „Wir Protestanten und der Papst. Erinnerungen und Erwartungen vor dem Besuch Benedikt XVI.“ von Hans-Georg Link in KNA-ÖKI 34, 23.8.2011, Thema der Woche). Sogar Reinhard Frieling meint jetzt, man könne dem Papst die Rolle eines Ehrenoberhaupts der Christenheit antragen. Er könne unter bestimmten Umständen Sprecher aller Christen sein. Allerdings: „Zu Gunsten einer neuen Führungsrolle müsste der Papst häufig auf eine hierarchische Durchsetzung seines gesetzgeberischen Anspruchs verzichten, wie Hans Küng schon 1974 vorschlug“ (zit. n. a. a. O. S. 7). Im Klartext: Lieber „Bruder in Rom“, lass uns weiter wie bisher Kirche spielen und störe uns nicht dabei, dann werden wir dich einen guten Mann sein lassen. Den optischen Ausdruck fand der Protest gegen den Papst in zahlreichen Demonstrationen, häufig mit beleidigendem Inhalt und oft sogar mit groben Obszönitäten.

Der Papst ist mit diesem ganzen Spektakel souverän umgegangen. Die Straßentheater und die teilweise mit „Aushilfskräften“ gefüllten Reihen des Bundestages hat er ignoriert. Mit Missbrauchsopfern hat er persönlich gesprochen, aber selbstverständlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. In Erfurt Stelle hat er, er die Illusion, dass er ein „ökumenisches Gastgeschenk“ mitzubringen habe, als ein „politisches Missverständnis“ zurückgewiesen und klargemacht, dass der Glaube kein Handels- oder Verhandlungsobjekt ist. Die katholische Kirche und der Papst lassen sich nicht unter politischen oder kirchenpolitischen Druck setzen und treffen ihre Entscheidungen auf ihre eigene Art.

 

Abnehmender Konsens

Von Hansjürgen Knoche

In dem Aufsatz „Mühsame Ernte. Die Dokumentation ‚Harvesting the Fruits‘ aus unserer Sicht“ (Bausteine, Heft 185, 2010) hatte ich geschrieben: „Wenn man hier das, was über vier Jahrzehnte hinweg einigermaßen zu Konsensen geführt hat, mit dem vergleicht, was noch als offen oder kontrovers bezeichnet wird, kann man nur sagen: Bei gleichbleibendem Arbeitstempo und Einigungsinteresse (was bekanntlich auf protestantischer Seite im Zeichen der Differenz- und Profilökumene immer zweifelhafter wird) könnten die offenen Punkte in weiteren 40 bis 50 Jahren erledigt werden; die offizielle Rezeption durch die beteiligten Kirchen könnte dann angesichts der erforderlichen Abstimmungsprozesse innerhalb des Lutherischen Weltbundes in weiteren 10 bis 15 Jahren erfolgen. Für evangelischen Christen, die das Augsburgische Bekenntnis als Bekenntnis zur Einheit der Kirche und die ursprüngliche legitime Intention der Reformation als innerkirchliche Reformbewegung verstehen, kann das keine sinnvolle Perspektive sein“. Die zuständige katholische Autorität hat das, wie ich nachträglich feststellte, bestätigt. Der aus dem Amt scheidende Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, erklärte in der Feierstunde zum 50. Jubiläum des Einheitsrates am Schluss seiner Ansprache: „Wenn es dem 50. Jahrestag unseres Päpstlichen Rates gelingt, einen neuen Anfangspunkt zu setzen und ein Zeichen der Hoffnung für die nächsten 50 Jahre zu sein, wird diese Feier nicht vergeblich gewesen sein, sondern Gnade und Segen für die Kirche und für die ganze Welt“. (Informationsdienst des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen Nummer 135 für das 3. und 4. Quartal 2010, Seite 106; erschienen Mitte August 2011, englisch, Übs. von mir). Die seit einem halben Jahrhundert nach dem Konzil vom Einheitsrat betriebenen Konsensbemühungen haben uns der Einheit also nur sehr wenig näher gebracht.

Eine ähnliche Perspektive ergab sich schon aus dem Bericht des JohannAdam-Möhler-Instituts für Ökumenik Paderborn für 2009 „Der ökumenische Dialog vor einer Zwischenbilanz“ von Wolfgang Thönissen (KNAÖKI 28, 13. Juli 2010 Dokumentation Nr. 15 / 2010). Noch deutlicher wird das nun im Jahresbericht des Instituts für 2010. Es heißt dort zur allgemeinen Lage: „Seit Jahren ist zu beobachten, dass der einstmals schon erzielte Konsens oder die zumindest angezielte Konvergenz in vielen bisher kontroverstheologischen Fragen wie in der Frage der Eucharistie, aber auch in der Amtsfrage unter der Hand offenbar aufgegeben wurde, wie Veränderungen in manchen am Dialog beteiligten Kirchen zeigen“. Auf ein weiteres Auseinanderdriften der Kirchen auch im Bereich der Ethik wird ebenfalls hingewiesen. Im Hinblick auf eine laufende Dialogrunde unter dem Stichwort „Gott und die Würde des Menschen“ bemerkt das Institut: „Ob eine Verständigung in den schwierigen theologisch-anthropologischen Fragen überhaupt möglich erscheint, ist angesichts der in den letzten Jahren verstärkt auftretenden Differenzen in dieser Frage derzeit nicht mit einem klaren Ja zu beantworten“. Wie sich der Dissens inzwischen auch in den ethischen und anthropologischen Fragen vertieft hat, etwa in den Bereichen des Umganges mit der Homosexualität, der Ehemoral, des Schwangerschaftsabbruches und der PräimplantationsDiagnostik, kann neuerdings in dem zusammenfassenden Aufsatz von Dr. Werner Neuer, „Bausteine für eine Ethik des Lebens“ (Diakrisis 2, 2011, S. 57) nachgelesen werden.

Es wird daher kritisch gefragt: „Sind die Impulse für eine gemeinsame Feststellung des bisher im ökumenischen Dialog Erreichten wirklich tragfähig oder verlieren sie sich zunehmend? Lässt sich die Gemeinschaft unter Christen vertiefen, vor allem in der Frage des Abendmahls? Auf welcher Grundlage kann das geschehen? Der Eindruck verstärkt sich: die Amtsfrage bleibt zunehmend außen vor“. Weiter heißt es dort: „Zu bedauern ist auch, dass in manchen jüngeren Entscheidungen dieser Kirchen [gemeint ist unter anderem die Leuenberger Kirchengemeinschaft] und kirchlichen Gemeinschaften der bereits erzielte Konsens mit der katholischen Kirche in bestimmten Fragen wie etwa der des Amtes und der Ordination, offenbar wieder verlassen wird“.

Wie zur Bestätigung erklärte der aus dem Amt scheidende evangelische Landesbischof von Bayern, Johannes Friedrich, in einem Interview mit dem Münchener Merkur unter Bezugnahme auf das Dokument „Dominus Jesus“: „Ja, wir sind nicht so Kirche, wie es sich die römisch-katholische Kirche vorstellt. Gott sei Dank!“ Und weiter: „Mir reicht es, dass ich weiß, dass wir Kirche sind. Wenn es der Papst nicht weiß, ist mir das eigentlich egal“. (Quelle: KNA-ÖKI 30-31, 26. 07. 2011, S. 9). Mit den gleichen Worten könnte auch ein Mitglied der „Scientology Church“ seinen Anspruch ausdrücken, Mitglied einer „Kirche“ zu sein. Hier wird ein Hauptproblem der gegenwärtigen ökumenischen Debatte deutlich. Es wird eigentlich nicht mehr gefragt, nach welchen objektiven Kriterien zu entscheiden ist, ob eine bestimmte Glaubensgemeinschaft wirklich Kirche ist oder nur so tut. Also wird in Wirklichkeit nur Kirche gespielt.

 

 

Kardinal Koch zur ökumenischen Lage

Von Hansjürgen Knoche

Von besonderer Bedeutung war die Eröffnungsansprache des neuen Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, zur Eröffnung der jährlichen Plenarsitzung vom 15. bis 19. November 2010 (in: Informationsdienst a. a. O. S. 73 ff), weil sie gewissermaßen die ökumenische Linie des Rates für die Amtszeit des neuen Präsidenten markiert. Er zitierte Papst Benedikt XVI., der gleich nach seiner Wahl gesagt hatte, er betrachte es als seine hervorragende Pflicht, „unermüdlich zu wirken für die Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller, die Christus nachfolgen („all the followers of Christ“). Der Papst sprach also schon damals nicht von der vollen und sichtbaren Einheit „aller Kirchen Christi“, wie das dem üblichen Sprachgebrauch entsprochen hätte, sondern von „allen, die Christus nachfolgen“! Was bedeutet das? Die schon unter Kardinal Kasper am Ende seiner Amtszeit erfolgte Hinwendung zur evangelikalen Bewegung und den Pfingstgemeinden und die inzwischen gezogenen praktischen Konsequenzen aus der Apostolischen Konstitution „Anglicanorum coetibus“ zeigen deutlich, dass man sich tatsächlich frei gemacht hat von dem jahrzehntelang geltenden Grundsatz, dass die katholische Kirche offiziell nur mit Kirchen und Kirchenbünden spricht. Die ökumenischen Gewichte haben sich entscheidend verschoben. Zu den Protesten von protestantischer Seite gegen die Feststellung im Dekret „Dominus Jesus“, die aus der Reformation hervorgegangen Kirchen seien nicht Kirchen im eigentlichen Sinn sondern kirchliche Gemeinschaften erklärte Kardinal Koch nicht ohne Ironie, es sei erstaunlich („surprising“ = überraschend, befremdlich), in diesem Fall zur Kenntnis zu nehmen, dass der Weltrat der Kirchen, zu dem tatsächlich rund 400 Millionen Christen aus mehr als 340 Gemeinschaften in über 100 Ländern gehören, sich selbst bezeichne als Versammlung von „Kirchen, Konfessionen und kirchlichen Gemeinschaften“. Für Rom wäre daher interessant zu wissen, „welche Wesenheiten (entities) innerhalb des Weltrats der Kirchen als Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften oder tatsächlich als Konfessionen bezeichnet werden“.

Kardinal Koch ging dann auf die wachsende Zersplitterung der nichtkatholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ein und sagte: „Diese zunehmende Desintegration stellt eine neue ökumenische Herausforderung für die katholische Kirche dar, besonders, seit eine wachsende Anzahl von Gruppen aus dem weltweiten Protestantismus sich nicht länger repräsentiert sehen durch weltweite reformierte oder lutherische Kirchenbünde, und (deshalb) direkt in Gespräche mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen eintreten wollen. So steht die katholische Kirche einem ernsten Phänomen kirchlicher Spaltung gegenüber und muss sich die schwierige Frage stellen, wie auf die verschiedenen Dialogwünsche zu reagieren ist“ (a. a. O. S. 78).

Er sieht nun den Protestantismus vor die Entscheidung gestellt, wie er sich selbst und die Reformation verstehen soll: Entweder „als einen Countdown hin zu modernen Zeiten und dem aufgehenden Stern der Modernität“ oder „als eine Entwicklung in fundamentaler Kontinuität mit 1500 Jahren christlicher Kirchengeschichte“ (a. a. O. S. 81). Mit anderen Worten: will man endlich Kirche im eigentlichen Sinn des Wortes, wie sie die Reformation immer bleiben wollte, werden, oder will man weiterhin und für alle Zeiten nur Kirche spielen?

Kardinal Kochs Analyse der kirchlichen Situation des Protestantismus nach den Sieg des Leuenberger Modells ist klar und schneidend: „Unvermeidlich kommt man zu dem Schluss, dass die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die in der Reformation entstanden sind, das ursprüngliche ökumenische Ziel der sichtbaren Einheit aufgegeben haben und es ersetzt haben durch das Konzept gegenseitiger Anerkennung als Kirchen , das jetzt schon herstellbar ist“ (S. 83). „Es ist klar, dass hier eine fundamentale Differenz zwischen dieser protestantischen Sichtweise und dem katholischen und orthodoxen Verständnis vorliegt, das daran festhält dass das ökumenische Ziel nicht Interkommunion sein kann“. Er zitiert den Ökumeniker Peter Neuner, der bedauert, dass viele in den protestantischen und reformierten Kirchen und tatsächlich nicht wenige Katholiken nicht mehr anerkennen, dass das ökumenische Ziel die Wiederherstellung der kirchlichen Gemeinschaft ist, sondern einfach Interkommunion wollen, und wenn diese erreicht ist, ihrer Meinung nach „der Rest bleiben kann, wie er ist“.

 

Verleugnung von Schrift und Bekenntnis

Von Hansjürgen Knoche

Nachdem sich zu Jahresbeginn 2011 bereits acht ehemalige Landesbischöfe in einem gemeinsamen  Brief an die Synodalen der 22 evangelischen Landeskirchen gegen die Beschlüsse der EKD zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften im Pfarrhaus protestiert hatten, wendet sich nun eine größere Anzahl von Theologen aus dem evangelikalen und konservativen Lager an alle Pfarrer und Gemeindemitglieder mit einer „Einladung zu einem gemeinsamen Glaubenszeugnis“ (abgedruckt unter dem Titel „Für die Freiheit des Glaubens und die Einheit der Kirche“ als Dokumentation Nummer 16/2011 in KNA-ÖKI 32-33 vom 16. August 2011). Die Ablehnung dieser Neuerung wird biblisch und theologisch ausführlich begründet. Dazu wird gesagt: „Die Heilige Schrift legt sich selbst aus, wenn sie nur sorgfältig genug in ihren inhaltlichen Zusammenhängen gelesen wird“. Und an späterer Stelle wird kritisch gefragt: „Wie lange kann die Evangelische Kirche der Lehre der katholischen Kirche noch überzeugend widersprechen, die ein autoritatives Lehramt zum Schutz gegen willkürliche Schriftauslegung für nötig hält?“ Eingeleitet wird diese Frage allerdings mit der folgenden erstaunlichen Behauptung: „Manche, auch Bischöfe, haben einen Vergleich mit den Diskussionen über die Ermöglichung der Frauenordination in den fünfziger Jahren gezogen. Damals ging es aber gerade nicht um Einzelstellen der Heiligen Schrift. Vielmehr ergab eine Würdigung des biblischen Gesamtzeugnisses (!), dass es auch (!) Gründe für die Frauenordination aus der Heiligen Schrift gibt: Frauen waren die treuesten Weggefährten des Leidenden und die ersten Auferstehungszeugen. Damals wurde hartnäckig und strittig nach dem Willen Gottes in der Heiligen Schrift gefragt. Jetzt wird einfach behauptet, es gäbe zur Frage der Homosexualität in der Kirche keinen aus der Heiligen Schrift erkennbaren Willen Gottes. Wie sollen normal denkenden Menschen noch ein Zutrauen zu Heiligen Schrift bekommen, wenn ihnen solche Auslegungskünste vorgeführt werden?“

Damit führt sich aber nun die Stellungnahme gegen gleichgeschlechtliche Partner in Pfarrhäusern selbst ad absurdum. Denn was ist das für eine Theologie, die aus dem angeblichen „Gesamtzeugnis“ der Schrift die Frauenordination rechtfertigen will, während doch die Schrift ganz eindeutig sagt: bei aller Tapferkeit und Treue der biblischen Frauen, die mitunter stärker waren als die der Apostel, hat Jesus dennoch nur zwölf Männer zu Aposteln berufen, und nur diese haben durch Auflegung der Hände die Gnadengaben des Amtes an die Generationen weitergegeben. Also wird hier der alte protestantische Irrglaube an die „Suffizienz“ und „Klarheit“ der Bibel, die „sich selbst auslege“, weshalb die Kirche kein Lehramt brauche, in fast schon grotesker Weise widerlegt. Es ist unübersehbar: Die Behauptung, die Bibel lege sich selbst aus, hat in der Praxis noch immer bedeutet: ich lege mir die Bibel selbst aus. Mit dieser mystifizierenden Personalisierung der Bibel ist man eben nicht Kirche, sondern man spielt nur Kirche.

Und auf den oben zitierten Artikel von Neuer in „Diakrisis“ reagiert ein Pastor mit einem „Offenen Brief“, der in der Bitte gipfelt: „Lasst uns doch gemeinsam einen Konvent der Bekennenden Gruppen noch in diesem Jahr planen sowie bald darauf einen Bekenntnistag, der alle Christen einlädt“. Auch hier werden Kirche und Lehramt notgedrungen ersetzt durch die Idee einer „weltweiten Bekenntnis-Ökumene“, die Christen aller Konfessionen umfassen soll aber eben selbst keine Kirche ist und sie auch nicht ersetzen kann.

Diese Illusionen vom rechten Christentum mit der Bibel in der Hand ohne Kirche und Lehramt, von der man sich dann „die Einheit der Christen“ in irgendeiner Form erwartet, wird die Ökumene jetzt und in Zukunft genauso wenig weiterbringen wie in den vergangenen 50 Jahren und kann niemals die Kirche ersetzen. Christ ist man nur als Glied einer Kirche, und zwar der einen und wahren Kirche Jesu Christi, und nicht anders.

 

Ein gutes neues Konsensdokument

Von Hansjürgen Knoche

Leider etwas verspätet weisen wir auf das Studiendokument der Lutherisch/Römisch-Katholischen „Kommission für die Einheit“ des Lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen mit dem Titel „Die Apostolizität der Kirche“ [1] hin. Es beschäftigt sich in vier Kapiteln mit den Themen kirchliches Amt, Heilige Schrift und Schriftverständnis sowie dem kirchlichen Lehramt. Alle Kapitel enthalten ausführliche biblische Orientierungen, Überblicke über die Entwicklungen der angesprochenen Themen in der Kirche zur Zeit der Kirchenväter und im Mittelalter und den gegenwärtigen Stand der ökumenischen Diskussion an Hand bereits vorliegender Konvergenzdokumente. Eine zentrale Rolle spielt die Gemeinsame Erklärung über die Rechtfertigungslehre, die durch diese neue Studie in den größeren ekklesiologischen Kontext eingeordnet wird. Das Papstamt als Amt der Einheit der Gesamtkirche wird im Einzelnen nicht erörtert, sondern hierzu wird auf andere lutherisch-katholische Dialoge in den USA und die Studie der bilateralen Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz und der Kirchenleitung der VELKD „Communio Sanctorum. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen“ (2000) verwiesen.

Zu den genannten Themen Amt, Schrift und Lehramt können fast sensationelle Fortschritte in der gegenseitigen Verständigung festgestellt werden. Hierzu einige Kernsätze: „Die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung impliziert also die Anerkennung, dass in beiden Kirchen das ordinationsgebundene Amt in der Kraft des Heiligen Geistes seinen Dienst erfüllt hat, in den in dieser Erklärung dargelegten Kernfragen des Glaubens die Treue zum apostolischen Evangelium zu bewahren“ (Nr. 288)... „Im Mittelalter... hat man mit Berufung auf Hieronymus das Bischofsamt grundsätzlich dem Presbyteramt gleichgestellt, wohingegen bestimmte, nur dem Bischof zukommende Aufgaben als Funktionen kirchenrechtlicher Natur erachtet wurden...“ aufgrund dieser Traditionen „mussten presbyterale Ordinationen von den Reformatoren nicht als Bruch mit der Tradition angesehen werden, um so weniger, als sie die bischöfliche Verfassung der Kirche beibehalten wollten, wie sie wiederholt versichert haben“ (Nr. 289). „Die römisch-katholische Kirche kann Bischöfe in bestimmten Kirchen als Bischöfe anerkennen, auch wenn diese nicht in der vollen Communio der Bischöfe zusammen mit dem Nachfolger des Petrus als Haupt stehen...Wenn man nun von der Übereinstimmungen der Bischöfe als entscheidendem Zeichen der Apostolizität ihrer Lehre spricht, dann kann man katholischerseits jene episkopoi aus dem Kreis derer nicht ausschließen, deren Übereinstimmung nach katholischer Auffassung Zeichen für die Apostolizität der Lehre ist“ (Nr. 291). „Dann aber muss man fragen, ob es nicht auch in der Lehre vom Amt oder den Ämtern einen differenzierenden Konsens geben könnte; denn wir stimmen darin überein, dass die Kirche apostolisch ist aufgrund des apostolischen Evangeliums, dem sie treu bleibt... und dass dieses Amt um seines Dienstes an der Einheit im Glauben willen in ein lokales und ein regionales gegliedert ist“ (Nr. 292). Sodass es also denkbar erscheint, dass man „differierende Gestalten des Amtes als möglich erachtet, sofern sie nur den Grundsinn des Amtes verwirklichen und ihm dienen“ (Nr. 293).

[1] Verlage Bonifatius und Lembeck, 2009, ISBN 978-3-89710-421-1 und 978-3-87476-574-9, 218 Seiten, 24,90 €.

 

Keine Frage der Höflichkeit

Warum Pfarrer und Altarhelfer bei der Abendmahlsfeier zuerst kommunizieren sollten

Von Volkmar Walther

In vielen evangelischen Gemeinden ist es Brauch, dass der Pfarrer mit den Altarhelfern erst nach der Kommunion der Gläubigen das Sakrament empfängt. Unter der Überschrift „Kommunion auf sinkendem Schiff“ beschreibt Martin Nicol, Professor für Praktische Theologie an der Universität Erlangen -Nürnberg, in seinem Buch „Weg im Geheimnis. Plädoyer für den Evangelischen Gottesdienst“ [1] die evangelische Praxis der Kommunionausteilung, welche vielerorts groteske Züge trägt. Mit folgender Darstellung wagt er es, „die Groteske ins Relief zu heben: Der Wortgottesdienst hat, wie immer, seine Stunde gedauert, die Präfation eröffnet das große Abendmahlsgebet, nach einem etwas ungelenken Friedensgruß und einem mäßig inspirierten Agnus Dei geht es zur Austeilung. Halt! Jetzt muss erst erklärt werden, was in dieser Gemeinde der Brauch ist und dass willkommen ist, wer glaubt, und dass in der ersten Runde Saft gereicht wird. Und dies und das. Endlich formiert sich die erste Gruppe im Kreis um den Altar, die Hostie wird ausgeteilt, Saft gereicht, der Kelchrand nach jeweils einer Drehung sorgfältig gereinigt. Währenddessen bemüht sich die Organistin, die Leute, die noch nicht die Kirche verlassen haben und in den Bänken geblieben sind, zum Singen eines Chorales zu animieren. Die Wenigen, die zunächst noch mitsingen, geben nach und nach auf. Der Gesang ist kümmerlich, die Aufmerksamkeit zu sehr darauf gerichtet, bei der nächsten Gruppe dabei zu sein. Derweilen macht das Geschehen im Altarraum langsame Fortschritte. Gerade haben der Pfarrer und die Kommunionhelfer an die Kommunikanten Brot und Saft ausgeteilt, nun soll man sich an den Händen fassen. Es folgen ein Bibelspruch und ein Friedenswunsch für die Gruppe. Dann ist es so weit, die erste Gruppe geht, die zweite Gruppe stellt sich zum Kreis. Der Choral verebbt jetzt endgültig. Denn diejenigen, die bereits kommuniziert haben, fanden sich zwar wieder an ihren Plätzen ein, konnten aber nicht mehr herausbekommen, in welcher Strophe nun welcher Choral gerade steckte. So geht es eine lange Weile. Mittlerweile ist die vierte und letzte Gruppe an der Reihe. Ende in Sicht. Aber, halt, nicht so schnell! Nun kommunizieren erst einmal die Kommunionhelfer, bis dann endlich - dem Kapitän gleich, der als letzter von Bord geht - einsam dem Pfarrer von einer Helferin Brot und Wein gereicht werden. - übertrieben? Ich fürchte: nein. Evangelische Kommunionpraxis hat eine fatale Tendenz, die bereits ins Abseits gepredigte Eucharistie durch die Weise der Austeilung zusätzlich zu paralysieren.“

Anders ist da die durch Jahrhunderte ungebrochene liturgische Tradition in den katholischen, orthodoxen, altorientalischen und anglikanischen Kirchen, wo der Priester mit seinen Altarhelfern zuerst kommuniziert. [2] Der entscheidende Grund für diese liturgische Praxis ist folgender: Der eigentliche Gastgeber bei jeder Abendmahlsfeier ist Jesus Christus selber, nicht der Pfarrer. Wenn er das Sakrament spendet, tut er das „in persona Christi“ - in seinem Namen und Auftrag. Dies wird für die Mitfeiernden dadurch deutlich, dass der Pfarrer, ehe er das Sakrament spendet, selber die innigste Verbindung mit Christus eingeht. Deshalb ist es in der altkirchlichen Überlieferung so, dass der Priester zuerst kommuniziert, nach ihm die Gemeinde, weil der Priester bei der Eucharistiefeier nicht der Einladende, sondern selbst Geladener ist. Er ist in diesem Sinne gar nicht der Hausvater.

Die ostkirchlich - orthodoxe Sichtweise führt uns vor Augen, dass man die Kommunion des Priesters vor den Gläubigen auch als einen Akt der Reinigung und Heiligung verstehen kann, der ihn erst eigentlich zur Ausspendung der heiligen Gaben ermächtigt. Sonst wäre er als sündiger Mensch gar nicht würdig. Sicher steht hier anschaulich die Ikone von der Apostelkommunion vor Augen, wo Jesus Christus je sechs Aposteln nach rechts und nach links Brot und Kelch darreicht - als Hoherpriester der Göttlichen Liturgie.

Die sogenannte „Selbstkommunion des Geistlichen“ [3] ist im reformatorischen Raum im Laufe der Zeit außer Gebrauch gekommen. Teilweise wurde sie auch direkt verboten. Luther hingegen hat die Selbstkommunion des Geistlichen vertreten und nur die Kommunion des Geistlichen ohne Gemeinde verworfen. Die Schmalkaldischen Artikel (p. II, art. 2) verbieten nur das von der Gemeinde gesonderte Nehmen des Sakramentes. „M. Chemnitz betrachtet die Selbstkommunion des Geistlichen als unbedenklich, wenn sie dem Geistlichen nicht als Verpflichtung auferlegt wird (Ex. Conc. Trident. II, 4,9). Im 17. Jahrhundert wurde die Selbstkommunion auf die Notfälle beschränkt. Verboten wurde die Selbstkommunion in Kursachsen 1625, in der Oberlausitz 1660, im Herzogtum Preußen 1697. Unter den neueren Agenden gibt Russland, Hessen - Cassel luth. für die Selbstkommunion des Geistlichen Anweisung. Die 1. preußische Generalsynode 1880 beschloss, dass die Bestimmungen, die in den einzelnen Gebieten der preuß. Landeskirche die Teilnahme der Geistlichen an der Abendmahlsfeier der Gemeinde durch Selbstkommunion verbieten, aufgehoben werden sollten.“ [4]

Schließlich sei auf die liturgische Erneuerung in den reformatorischen Kirchen hingewiesen, die vielfach zur altkirchlichen Praxis zurückfindet. Hier kommt es zu ökumenisch bedeutsamen Antworten, wie die von Helmuth 0. Gibb von der Lutherischen Konferenz in Hessen und Nassau (1984): „Falls nicht mehr Pfarrer bei der Austeilung des hl. Abendmahles mitwirken, die sich das Sakrament gegenseitig reichen können, vollzieht der amtierende Liturg zunächst die Selbstkommunion. Hier hat Luther mit vollem Recht die alte Ordnung beibehalten, die erst viel später verloren zu gehen drohte.“[5] Es ist daher erfreulich, dass in zunehmend mehr Gemeinden dafür vorbereitete Gemeindeglieder als „Abendmahlshelfer mit dem Pastor zusammen die Austeilung vornehmen; sie sollten zuvor selbst das Abendmahl empfangen haben“. [6]

Die bei ökumenischen Gottesdiensten im Kreis von Kirchen die miteinander in Abendmahlsgemeinschaft stehen, immer häufiger gefeierte Lima - Liturgie befördert diese Praxis auch im evangelischen Raum, dass der Liturg bewusst zuerst kommuniziert, wie es bei den Anglikanern noch weithin üblich ist. So wäre zu wünschen, dass dies auch wieder mehr in unseren Gottesdiensten gehandhabt wird, welche nach der Ordnung der „Evangelischen Messe“ [7] gefeiert werden.

[1] Göttingen 2009, 92f. – [2] Wichtige Gedanken zu diesem Thema gibt Wilm Senders in seinem Beitrag: „Warum Zelebrant und Kommunionhelfer bei der Messfeier zuerst kommunizieren sollen“, in: Anzeiger für die Seelsorge, Freiburg 1/1993, 8 - 10. - [3] P. Graff: Geschichte der Auflösung der alten gottesdienstlichen Formen in der evangelischen Kirche Deutschlands bis zum Eintritt der Aufklärung und des Rationalismus, Göttingen 1921, 201 -203. G. Rietschel: Lehrbuch der Liturgik, Erster Band: Die Lehre vom Gemeindegottesdienst, Berlin 1900, 553 f. - [4] a.a.O. - [5] H. O. Gibb: UNSERE LITURGIE, Darmstadt, 2. Aufl. 1984, 22. - [6] Materialien für den Dienst in der Evangelischen Kirche von Westfalen, Heft 28: „Zur Feier des Heiligen Abendmahles“ (1988), 26. – [7] Evangelisches Gottesdienstbuch, Grundform I: Gottesdienst mit Predigt und Abendmahl, Berlin 2000. Die Feier der Evangelischen Messe. Herausgegeben im Auftrag der Evangelischen Michaelsbruderschaft. Göttingen 2009.

 

200 Jahre schwarzer Talar. Muss das immer sein?

Von Volkmar Walther [1]

In den meisten Fällen verbindet sich mit dem Stichwort „evangelisches Gottesdienstgewand“ der schwarze Talar mit weißen Beffchen. Aus der Sicht des Bischofs der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, Jochen Bohl, ist dieser das Markenzeichen der ev. Pfarrerin bzw. des ev. Pfarrers. Dabei ist allerdings Talar nicht gleich Talar und Beffchen nicht gleich Beffchen. An der Beffchenform kann man ablesen, ob der Träger einer lutherischen (offen), einer unierten (halbgeschlossen) oder einer reformierten Kirche (geschlossen) angehört. Neben unterschiedlichen Amtskreuzen kirchlicher Würdenträger gibt es auch beim Barett verschiedene Formen. Außer dem Talar für Pfarrerinnen und Pfarrer gibt es weitere gottesdienstliche Kleidung für Diakoninnen und Diakone, Prädikantinnen und Prädikanten, Küsterinnen und Küster, Chorsänger oder Kreuzträger. Die im vorliegenden Katalog beschriebene Ausstellung beschränkt sich auf die bayerischen Verhältnisse. Alternativ zum schwarzen Talar mit Beffchen wird eine kleine Auswahl an Alben und Stolen vorgestellt. Interessante Varianten sind aus Schlesien und Siebenbürgen zu sehen. Das textile gottesdienstliche Gedächtnis der ev. Kirche reicht in seiner Vielfalt und Buntheit weit über den klassischen schwarzen Talar mit Beffchen hinaus. Da gibt es neben den weißen Missions- und Tropentalaren auch Chorhemden, Alben, Kaseln und Stolen, welche im Bereich des Weltluthertums selbstverständlich gottesdienstlich benutzt und getragen werden. Darüber hinaus gibt es liturgische Gewänder, die bei kirchlichen Berufsgruppen, wie Diakoninnen und Diakonen verwendet werden. Dies trifft auch für unterschiedliche gottesdienstliche Funktionsträger wie Mesner, Küster, Kreuzträger, Chorschüler, Prädikanten, Lektoren und Kommunionhelfer zu. Unter dem Thema „Vom Messgewand zum Talar“ gibt Klaus Raschzok einen kurzen Überblick zur Geschichte der Gewänder im evangelischen Gottesdienst. Im Gegensatz zur Genfer zeigt die Wittenberger Reformation gerade im Bereich der gottesdienstlichen Gewänder ihren selbstbewussten Willen zur Kontinuität mit der römischen Kirche. Bis ins 18. Jahrhundert wurden Chorhemden und Kaseln zur Feier des lutherischen Gottesdienstes neu angefertigt. Erst im Zeitalter der Aufklärung und des Rationalismus kamen sie außer Gebrauch. Um dem sich daraus resultierendem Durcheinander zu begegnen, ordnete als erster der preußische König Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1811 den schwarzen Talar für Geistliche, Rabbiner und Richter in seinem Territorium an. Somit wurde der preußische Talar mit Beffchen und Barett in Übereinstimmung mit dem Zeitgeschmack zum evangelischen geistlichen Leitgewand für eine ganze Epoche. Erst die Liturgische Bewegung zwischen beiden Weltkriegen führte im deutschen Protestantismus zur Wiederentdeckung der ursprünglichen liturgischen Gewänder. Die skandinavischen lutherischen Kirchen haben die mit der römisch-katholischen Kirche gemeinsame liturgische Gewändertradition nie aufgegeben und den schwarzen Talar mit Beffchen nie eingeführt.

Ähnlich wie in den nordamerikanischen lutherischen Kirchen gibt es auch in Deutschland Bestrebungen (seit etwa 1970), neben dem Chorhemd über dem Talar auch wieder die Albe mit einer dem Kirchenjahr und seinen Farben entsprechenden Stola zu tragen, um der Festlichkeit und Freude des Gottesdienstes neu Ausdruck zu verleihen. Seit etwa 1990 gestatten die meisten deutschen evangelischen Landeskirchen ihren Pfarrerinnen und Pfarrern das Tragen der Stola zum schwarzen Talar, wie auch den Gebrauch von Albe und Stola vorbehaltlich der Zustimmung des Kirchenvorstandes, „Gottesdienstliche Funktionsträger tragen dann als Zeichen ihrer Taufe beim öffentlichen gottesdienstlichen Handeln die Albe, zum geistlichen Amt Ordinierte darüber hinaus als Zeichen ihres besonderen Auftrages zusätzlich die Stola. Durch die Albe als Grundgewand kommt somit deutlicher das Priestertum aller Getauften und die in ihm begründete Einheit der verschiedenen liturgischen Dienste im Gottesdienst zur Darstellung. Die wesentliche Differenz zwischen Talar und Albe besteht damit für den evangelischen Gottesdienst im Paradigmenwechsel von der stärker lehrmäßigen zur körperlichen Christus-Darstellung. Im liturgischen Gewand gewinnt Christus jeweils auf spezifische Weise sowohl in der Abendmahlsfeier wie in der Predigt Gestalt. Anders als beim schwarzen Talar mit Beffchen, der eher der Sicherung protestantischer Identität dient, gewinnt das Betrachten des liturgischen Gewandes und seines Trägers in der gottesdienstlichen Feier den Charakter eines geistlichen Aktes. Das Gewand verändert seinen Träger. Ich nehme ihn - und dann auch mich selbst - in der Christusgestalt wahr. Damit zeigt das liturgische Gewand etwas, das für den Glauben schon ist und zugleich immer noch aussteht. Am liturgischen Rollenträger bildet sich mit dem Gewand etwas exemplarisch ab, das grundsätzlich allen Getauften eignet“ (a. a. O. S. 12).

Sich kritisch mit verschiedenen Besonderheiten und Inkonsequenzen aus dem Bereich der liturgischen Kleidung auseinandersetzend (z.B. die gerade herunterhängende „Rummelsberger Diakoninnen- und Diakonenstola“) fordert Klaus Raschzok zur Abhilfe „eine sorgfältige Bewusstseinsbildung, die eine bewusste Auseinandersetzung mit der Geschichte der liturgischen Kleidung einschließt. Die gottesdienstliche Kleidung bedarf der sorgfältigen gottesdienstlichen Reflexion und darf nicht nur persönliche Schmuck- und Ausdrucks - Bedürfnisse ihrer Trägerinnen und Träger bedienen und Ausdruck eines individuellen persönlichen Gestaltungswillens sein“ (S. 14). Es geht der Ausstellung „um die Entdeckung der körperlich - sinnhaften Dimension des Gottesdienstes, die nicht gegen die innere Haltung ausgespielt werden darf, sondern vielmehr mit ihr korrespondiert“ (S. 15).

Wie die Ausstellung zeigt, gibt es auch erste Aufbrüche zu einer eigenen evangelischen gottesdienstlichen Kleidung in deutlicher Abhebung von der Tradition, wie es beim Gottesdienstgewand von Heinz Oestergaard (1970) zum Ausdruck kommt. Die zunehmende Akzeptanz „führt zur Entwicklung eines stimmigen, abwechselnd nach Anlässen zu tragende Grundgewandes in schwarz bzw. weiß, das im Gottesdienst von den Ordinierten mit einer Stola ergänzt werden kann und den unterschiedlichen gottesdienstlichen Anforderungen gerecht wird. Gegen solche Schritte, wie sie auch in der Ausstellung gezeigt werden, stehen allerdings gegenwärtig durch die im Zusammenhang des EKD - Impulspapiers ‚Kirche der Freiheit‘ sich neu entwickelnde Tendenzen gegen Albe und Stola pro Talar mit Beffchen. Er wird als typische protestantische Corporate Identity des Schlüsselberufs Pfarrerin und Pfarrer verstanden“ (S. 15). Davon ausgehend, dass Kleidung in der jeweiligen historischen Epoche soziokulturelle Formen und individuelles Rollenverhalten in Abhängigkeit von Ort, Zeit und Funktion widerspiegelt, behandelt Evelyn Gillmeister - Geisenhof das Thema „Der Talar - Medium und Sprache“ (S. 17-24). Zur Reformationszeit mutierte der Gelehrtenmantel zum Priesterrock in der Eigenschaft eines Standeskleides. Er wurde zum Erkennungsmerkmal des evangelischen Pastorenstandes. „Luther selbst reichte das Abendmahl immer im weißen Chorhemd, während er bei seinen Predigten in der Schaube dargestellt ist, womit er bewusst zwischen Standes- und Amtstracht unterschied“ (S. 19). Durch die Kleidung und in ihren Verhaltensnormen sprachen die evangelischen Geistlichen eine nonverbale Sprache, „die der Gesetzmäßigkeit des Kommunikationssystems folgte: Der Pfarrer sendet über das Medium Kleidung an den Kirchenbesucher die Botschaft, dass er eine Amtsperson ist, die beispielsweise in der Standestracht die Predigt hält oder in der Amtstracht mit dem Chorhemd zur Abendmahlsfeier übergeht“ (S. 20). Mit der verbindlichen Einführung des schwarzen Talars wurde das Standeskleid der Pastoren zur Amtstracht umfunktioniert. Eine offizielle Alternative bietet die Albe bzw. das Chorhemd mit entsprechenden Stolen in liturgischen Farben.

Zum Thema: „Visionen eines evangelischen Gottesdienstgewandes“ (S. 25-32) stellt Beate            Baberke-Krohs zwei Projekte der Paramentik Neuendettelsau vor. „Nach experimentellen Versuchen in den siebziger Jahren und der aktuell fortschreitenden Vielfalt mit all ihren positiven wie negativen Auswirkungen bieten nun die von der Paramentik Neuendettelsau initiierten Prototypen die Chance zur vorsichtigen Annäherung an eine neue evangelische Feierlichkeit. An diesem Prozess Interessierte finden hier ein offenes Gegenüber für den Austausch von Argumenten“. Über die reiche Vielfalt gottesdienstlicher Gewänder, Kleidungsstücke und Insignien, vor allem aus dem Bereich der evangelischen Kirchen informiert in Wort und Bild das „Glossar“ von Gottfried Kaeppel. Abgeschlossen wird der Katalog mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis. Möge die als Wanderausstellung konzipierte Sammlung und der dazu gehörige Katalog „unter anderem eine Diskussion über gottesdienstliche Gewänder und Amtstracht in den evangelischen Kirchen anregen. Dabei geht es nicht nur um die Kleidung der Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern auch darum, wie die verschiedenen liturgischen Dienste auch in der Kleidung sichtbar aufeinander bezogen werden“ (Vorwort von Prof. Dr. Hanns Kerner).

[1] Besprechung zu: Evangelisch betucht - Katalog zur Ausstellung mit Gottesdienstgewändern und Amtstracht. Herausgeber: Gottesdienst - Institut der Evangelisch -.Lutherischen Kirche in Bayern. Sperberstr. 70, 90461 Nürnberg. 9,50 Euro.

Bleibendes Menetekel: Bernhard Philberths Deutung der Offenbarung des Johannes

Von Hansjürgen Knoche

Der weltbekannte Physiker, Philosoph, Theologe und Ökumeniker Bernhard Philberth (* 1927, + 8. 8. 2010) ist neben seinen wissenschaftlichen Leistungen einer breiten Öffentlichkeit durch das philosophisch-theologische Werk „Der Dreieine“ bekannt geworden. Darin erklärt er das Werden, die Entwicklung und das Bestehen des gesamten geschaffenen Seins aus seinen trinitarischen Strukturen. Das Sein ist strukturiert in Analogie zur Dreifaltigkeit Gottes. Die Welt ist Spiegelbild und Gleichnis Gottes. Aus dieser Dreiheit des Ewigen entspringt die gewaltige dreifaltigen Mächtigkeit alles endliche Seins. Alles Existierende trägt das Zeichen des „Dreieinen“. Mehr als dieses Hauptwerk ist das 1961 erstmals veröffentlichte Buch „Christliche Prophetie und Nuklearenergie“ [1] in Vergessenheit geraten. Zur Zeit des Kalten Krieges mit seiner Furcht vor einem nuklearen Weltkrieg hat es eine große öffentliche Wirkung entfaltet. Besonders auffallend waren die sachkundigen, präzisen Darstellungen kernenergetischer Phänomene und Waffen. Philberth ist nämlich davon ausgegangen, dass der Seher Johannes die von ihm geschilderten Bilder wirklich und real vor Augen gesehen hat. Er hat also eine globale atomare Auseinandersetzung am Ende unserer Welt vorausgesehen. Aber natürlich fehlten ihm damals die Begriffe und Worte für Atomenergie, Atombomben, Kampfflugzeuge, Panzerwagen und alles andere, was die moderne Kriegführung bestimmt. Deshalb konnte er das, was er klar vor Augen gesehen hat, nur in analoger Weise mit ihm damals zur Verfügung stehenden Worten und Begriffen aussprechen. Moderne Kampfflugzeuge bezeichnete er daher als riesige Heuschrecken. Wenn man etwa in den Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch des bolschewistischen Systems geglaubt hatte, sich mit einem solchen Szenario nicht mehr auseinandersetzen zu müssen, so zeigt die Weltlage heute, dass die Gefahr einer globalen atomaren Auseinandersetzung keinesfalls gebannt, sondern eher größer geworden ist: Der Iran steht nach wie vor in dem dringenden Verdacht, sich atomare Waffen zulegen zu wollen. Ein entsprechendes System von Trägerraketen hat er schon. Der russische Präsident hat mehrfach von der Notwendigkeit einer Aufrüstung und Modernisierung seiner gesamten Streitmacht einschließlich nuklearer Waffen gesprochen. Warum ist Russland so gegen das Raketenabwehrsystem, das in seinen ehemaligen Satellitenstaaten aufgebaut werden soll und sich gegen die atomare Bedrohung besonders aus dem Iran richtet? Russland weiß doch genau, dass keinerlei Angriff aus dem Westen ernsthaft zu befürchten ist. Der Raketen-Abwehrschild würde aber auch die nach dem Westen gerichtete Drohwirkung des russischen Atomwaffenarsenals beeinträchtigen! China spricht offen von atomarer Aufrüstung. Es hat Trägerraketen mit einer Reichweite bis zu 12.000 km. Jeden Versuch Taiwans, sich vom Mutterland zu lösen, wird es nach eigener Erklärung mit militärischer Gewalt beantworten. Chinesische Strategen sagen offen, dass die Straße von Taiwan notfalls auch mit atomaren Waffen gegen Interventionen von Streitkräften zur Unterstützung Taiwans freigehalten werden muss. Nordkorea hat definitiv Atomwaffen und entsprechende Trägerraketen; ob die jüngst angebotene Abrüstung wirklich realisiert wird, ist noch nicht abzusehen. Pakistan und Indien, beide höchst instabile Staaten, die durchaus in die Hände islamistischer Fanatiker fallen können, sind etablierte Nuklearmächte. Außerdem wächst ständig die Gefahr sogenannter schmutziger Bomben, die von Terroristen eingesetzt werden könnten, da genügend spaltbares Material, besonders aus der ehemaligen Sowjetunion, auf illegalen Wegen zu unbekannten Abnehmern verschwindet. Wir können also durchaus davon ausgehen, dass es sich immer noch um Voraussagen auf das bevorstehende Weltende handelt. [2]

Im sechsten Siegel der Offenbarung, das nach der Auslegung von Philberth die endzeitlichen Vorgänge des siebenten Siegels kurz zusammengefasst vorausbildet, weil diese Ereignisse durch den gegenwärtigen technischen Stand bereits heute genau vorgezeichnet und als Drohung gegenwärtig sind, gibt es noch ein Bild, das zur Zeit der Veröffentlichung von Philberths Buch noch keine besondere Rolle spielte oder ihn als Physiker nicht besonders interessiert hat: Ein Reiter auf einem schwarzen Pferd erscheint. Er hat eine Wage in seiner Hand und ruft: „Ein Pfund Weizen um ein Silberstück und drei Pfund Gerste um ein Silberstück; aber Öl und Wein taste nicht an!“ (Offb 6,5) Mit dem Silberstück ist der römische Denar gemeint, der durchschnittliche Tageslohn eines Arbeiters. Ein Maß Weizen ist die Tagesration für eine Person. Die Genfer Studienbibel bemerkt dazu: „Hunger wird kommen, so furchtbar, dass der Lohn eines Arbeiters gerade ausreichen wird, ihn selbst zu ernähren. Um seine Familie zu ernähren, müsste ein Arbeiter Gerste kaufen, ein Getreide, das weniger wert ist. Öl und Wein bleiben unangetastet, Vielleicht ein Zeichen, dass die Reichen immer noch ihren Lüsten frönen können“. Genau diese Situation ist nun weltweit seit März und April 2008 eingetreten. Fast wie aus heiterem Himmel bedroht eine nachhaltige Hungerkatastrophe große Teile der Welt. In vielen Ländern Afrikas, Südamerikas und Asiens sind Hungerrevolten ausgebrochen. Gewaltsame Ausschreitungen sind an der Tagesordnung. Die Weltbank warnt davor, dass ganze gesellschaftliche und staatliche Systeme unter diesem Druck zusammenbrechen könnten. Ursachen der Not sind abnehmende Feldflächen durch Naturkatastrophen. Sie führen zum Wegschwemmen von Ackerland oder Erosion durch anhaltende Trockenheit. Durch millionenfache Flüchtlingsströme und Flucht in die Elendsquartiere der großen Weltstädte nimmt die bäuerliche Bevölkerung ab und geht die Landwirtschaft zurück. Die Preise für lebensnotwendige Grundnahrungsmittel in der Dritten Welt haben sich um einen zweistelligen Prozentsatz vervielfacht. Die steigenden Preise werden durch Spekulanten noch angeheizt. Die Weltbank verlangt von den Entwicklungsländern Wettbewerbsbedingungen, die den heimischen Produzenten keine Existenzchancen mehr lassen. Nicht zuletzt führt der weltweite Hunger nach Treibstoff, der aus Pflanzen gewonnen wird, zum Rückgang der Nahrungsmittel-Erzeugung, da die Bauern für Energiepflanzen bessere Preise erzielen. Das weltweite Ausmaß dieser Hungersnot und das damit wachsende Gewaltpotential könnte sehr wohl eine der Vorstufen und Ursachen einer nuklearen Konfrontation in der Zukunft sein.

Wie konnte es aber möglich sein, dass Johannes die künftigen Ereignisse so sah, dass er über sie berichten konnte wie ein Augenzeuge? Gott, für den Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in seiner Überzeitlichkeit gleichzeitig sind, hat natürlich die Macht, einem Menschen zukünftige Ereignisse zu offenbaren. Ist das aber auch wissenschaftlich denkbar? Darauf antwortet Philberth: „Nach der von der Invariantenphysik (Relativitätstheorie) festgestellten Struktur des Weltalls wäre eine echte Prophetie möglich für Wesen, die Ereignisse derart zur Kenntnis nehmen könnten, dass dies einer Informations-Geschwindigkeit über 300.000 km/sec [also höher als die Lichtgeschwindigkeit! H.K.] entspräche. Auf physikalischer Ebene gilt das als unmöglich [da die Lichtgeschwindigkeit als die höchste mögliche Geschwindigkeit im Weltall gilt. Aber ist das sicher? Forscher des Kernforschungszentrums Cern vermuten neuerdings, dass Neutrinos schneller als Licht sein könnten! Vgl. Reise in die Vergangenheit, Spiegel 39/2011, S. 114. H.K.] Aber die Physik zeigt doch als denkbar, dass wirkliche Prophetie im Bereich der überphysikalischen Seinsmächtigkeit denkbar ist“.

Was hier in der Offenbarung des Johannes berichtet wird, ist also nach der Überzeugung von Philberth ein genauso objektiver Bericht wie normale Geschichtsschreibung. Während diese die spätere Bekanntgabe früherer Tatsachen und Ereignisse ist, geht es bei der echten Prophetie um die frühere Bekanntgabe späterer Tatsachen und Ereignisse. Das ist also deutlich von dem zu unterscheiden, was wir gemeinhin als Prophetie oder Prophezeiung bezeichnen. „Allein die Ankündigungen Christi zu seinen Lebzeiten und die Apokalypse sind wirkliche Prophetie.... Als wirkliche Prophetie ist sie eine passive, zeitverkehrte Geschehens-Information“. Das hat die bisherige Bibelauslegung noch nicht erkannt. Sie meint, als Erscheinen von bösen Geistern und Dämonen erklären zu müssen, „was ab etwa 1960 als eine präzise Beschreibung modernster Kampfmittel erscheint. Dinge sind dargestellt, die mit Fortschreiten der Naturwissenschaft schließlich ihre ganze Glaubwürdigkeit eingebüßt hatten (‚die Sterne werden vom Himmel fallen’), aber geradezu schlagartig-unerwartet in den jüngsten Jahren und Monaten (künstliche Satelliten!) die Weltöffentlichkeit technisch berauscht haben“.

Was gibt uns aber die Sicherheit, dass wir nicht unsere Erfahrungen aus dem beginnenden Atomzeitalter nachträglich in die Bilder der Apokalypse hineindeuten, sodass diese also zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird? Dazu schreibt Philberth: „Die Apokalypse ist in wesentlichen Teilen eine erklärungslose Beschreibung des Einsatzes modernster Kampfmittel. Sie gibt in konsequenter Nacheinanderfolge die Vorgänge und Folgen einer nuklearen Kriegsführung in charakteristischen physikalischen Besonderheiten wieder... Die diese Entwicklung tragenden Naturwissenschaftler und Techniker kannten die Apokalypse praktisch gar nicht. Soweit sie diese kannten, konnten sie bisher nur scharfe Gegensätze mit den naturwissenschaftlich-technischen Erkenntnissen empfinden. Ganz unvermittelt – ohne frühere Parallele und sogar für den Fachmann erschreckend – brach die Nuklear- und Kriegstechnik in unserer Zeit ein... Völlig unmöglich kann daher die derzeitige Situation von den Menschen dadurch herbeigeführt sein, dass sie sich auf die Verkündigung der Apokalypse eingestellt haben... Es gibt kaum mit anderen Prophezeiungen zusammenhängende Umstände in der Geschichte, die diese Möglichkeit von Scheinprophetie so vollständig ausschließen wie bei der Apokalypse“ (14 f).

Die Gliederung der Apokalypse und der Gang der Weltgeschichte

Für Philberth stellt sich die Parallelität in der Gliederung der Apokalypse und der Weltgeschichte etwa wie folgt dar: Die gesamte Offenbarung ist die vorweggenommene Aufzeichnung der Geschichte der Christenheit und der Kirche von Anfang bis zum Ende (17). Nach den sieben Sendschreiben an die Gemeinden, die stellvertretend für die ganze Kirche stehen, folgt im fünften Kapitel die Geschichte des Weltchristentums. Die ersten fünf Siegel beschreiben in den weißen, roten, schwarzen und fahlen Rossen der apokalyptischen Reiter Ereignisse, die sich immer wieder in der Geschichte abgespielt haben und weiter abspielen, also gewaltsame Unterwerfung, Krieg, Hunger und Tod sowie die Ungeduld der Heiligen im Himmel über die lange Zeit dieser allgemeinen Geschichte. Sie dauert schon über zweitausend Jahre bis heute. Die nukleare Energie dürfte die Entwicklung rasant beschleunigen und damit die letzte Zeit bis zum Ende der Welt wesentlich kürzer machen. Das sechste Siegel nimmt bereits in kurzer Zusammenfassung die Ereignisse voraus, die dann im siebenten Siegel und den einzelnen Zornschalen im Einzelnen entfaltet werden. Das ist eine sehr realistische Betrachtungsweise unserer Zeit. Wir leben in der Zeit des sechsten Siegels! Alle Bedrohungen der Zukunft bis zum Ende der Welt stehen uns hier bereits deutlich und realpolitisch vor Augen: Atomexplosionen, Völkermord, Kriege, Zerstörung der Umwelt, wachsende Gewalt, wachsender ideologischer Hass und Globalisierung sämtlicher Probleme. Die Endzeit d.h. die relative ganz kurze Übergangszeit bis zum jüngsten Gericht, wird dann im siebenten Siegel in allen Einzelheiten beschrieben.

In diesem Zusammenhang macht Philberth eine atemberaubende Zeitrechnung auf: Es hat Milliarden von Jahren gedauert, bevor organisches Leben auf der Erde entstand. In den letzten Milliarden Jahren entstanden die niedersten Organismen. Die Entwicklung der Wirbeltiere brauchte nur einigen 100 Millionen Jahre. Die Säugetiere entstanden in einigen zehn Millionen Jahren. Die Entwicklung der hochstehenden Affen geschah in einigen der letzten Millionen Jahre. Die Entwicklung der Urmenschen mit dem Gebrauch des Feuers geschah in den letzten hunderttausenden von Jahren. Die Entwicklung der Steinzeit mit den einfachsten Werkzeugen brauchte nur einige zehntausend Jahre. Heilkunde und Baukunst entwickelten sich in den letzten Jahrtausenden. Die Entwicklung der Kraftmaschinen, der Elektrotechnik, der Flugtechnik, der modernen militärischen Technik brauchte nur einige Jahrzehnte. Die Entwicklung der Nuklear- und Raketentechnik zusammen mit der Steuertechnik und Kybernetik vollzog sich nun innerhalb weniger Jahre. Mit der nuklearen Energie greift der Mensch nun unmittelbar in die den gesamten Kosmos zusammenhaltenden Kräfte ein. Dies hat eine Epoche gigantischer Aufrüstung eingeleitet, von der wir heute wissen, dass sie keineswegs mit dem Ende des bolschewistischen Imperiums zu Ende gegangen ist. Wegen der kurzen Reaktionszeiten auf interkontinentalen Raketen mit atomaren Sprengköpfen sind in die Abwehrsysteme immer mehr automatisiert worden. Das führt zu einer weiteren Spirale der Angst und Gewalt. die wachsende Komplexität der Systeme überfordert die menschlichen Verstandeskräfte; globales gegenseitiges Misstrauen und die Flucht in ideologische Feindbilder sind die Folge.

Das siebente Siegel

Das bereits im sechsten Siegel angedeutete nukleare Zeitalter wird nun im siebenten Siegel mit allen physikalischen Einzelheiten ausgeführt. Dies ist die Vorausschau auf die letzte Epoche dieser Welt vor dem Weltgericht. Philberth sagt dazu: „ Die Apokalypse enthält – wenigstens was die die Endzeit einleitenden Aktionen anbelangt – keinerlei Symbolik. Sie ist vielmehr eine überaus nüchterne und kurz gefasste Erlebnisbeschreibung. Es genügt daher die einfache Gegenüberstellung der Ereignisse, die sich aus den derzeitigen Vorbereitungen im ‚Ernstfall’ zwangsläufig ergeben, zu den Bildern der Apokalypse. Die Beobachtung technischer Vorgänge ist in einfachsten, untechnischen und doch treffenden Worten niedergelegt“. Diese Thesen müssen sich nun bei den Einzelerklärungen der in der Offenbarung geschilderten endzeitlichen Ereignisse bewähren; in ihrer Schilderung und Erklärung liegt die entscheidende Beweisführung von Philberth. Das siebente Siegel im achten und neunten Kapitel der Apokalypse beschreibt die Endzeit. Die Posaunen eins bis sechs beschreiben den nuklearen Krieg, der die Endzeit einleitet. Dabei beschreiben die ersten vier Posaunen den Erstschlag mit Nuklearwaffen. Hierbei handelt es sich um Fernwaffen, die von Raketen getragen werden. Die fünfte und sechste Posaune beschreiben den nachfolgenden abschließenden Erdkampf, der mit Truppen und Flugzeugen geführt wird, die siebente Schale das Endgericht über die Welt.

Die physikalische Bedeutung einzelner Bilder

„Der erste Engel blies seine Posaune. Da fielen Hagel und Feuer, die mit Blut vermischt waren, auf das Land. Es verbrannte ein Drittel des Landes ein Drittel der Bäume und alles grüne Gras“ (Offb 8, 7). Der Vers beschreibt den Abwurf einer Atombombe, die man üblicherweise einige hundert Meter über dem Boten detonieren lässt. Die erste Hitzestrahlung nach der Detonation vernichtet oder verseucht alles Leben; Zerstörung von Zellen mit Blutzersetzung und Krebswucherungen sind die hauptsächlichen Folgen. Die radioaktiven Bestandteile geraten in die Atmosphäre und regnen dann auf die Erdoberfläche ab. Sie lagern sich etwa 10 cm tief im Boden ab, sodass die in dieser Tiefe liegenden Wurzeln der Gräser und Kräuter abgetötet werden, während die tieferen Wurzeln den Bäume zum größeren Teil verschont werden.

„Der zweite Engel blies seine Posaune. Da wurde etwas, das einem großen, brennenden Berg glich, ins Meer geworfen. Ein Drittel des Meeres wurde zu Blut. Und ein Drittel der Geschöpfe, die im Meer leben, kamen um, und ein Drittel der Schiffe wurde vernichtet“ (Offb 8, 8 f). Hier wird ein atomarer Angriff auf See geschildert. Durch die Explosion einer Atombombe wird eine riesenhafte Wassermenge verdampft, die eine glühende Dampfhalbkugel bildet. Sie ist so groß wie ein Berg. Ein Massensterben von Meerestieren wird verursacht. Eine hochbrisante Stoßwelle im Wasser entsteht, die Schiffe in weitem Umkreis versenkt. „Die Untersuchung dieser biologischen Gefahrenquellen (Hochseefischerei!) und dieser mechanischen Zerstörung von Schiffen (Seekrieg-Planung!) war das Hauptprogramm verschiedener Nuklear-Bombenexperimente“.

„Der fünfte Engel blies seine Posaune. Das sah ich einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war; ihm wurde der Schlüssel zu dem Schacht gegeben, der in den Abgrund führt. Und er öffnete den Schacht des Abgrunds. Da stieg Rauch aus dem Schacht auf, wie aus einem großen Ofen, und Sonne und Luft wurden verfinstert durch den Rauch aus dem Schacht. Aus dem Rauch kamen Heuschrecken über die Erde, und ihnen wurde Kraft gegeben, wie sie Skorpione auf der Erde haben. Es wurde ihnen gesagt, sie sollten dem Gras auf der Erde, den grünen Pflanzen und den Bäumen keinen Schaden zufügen, sondern nur den Menschen, die das Siegel Gottes nicht auf der Stirn haben. Es wurde ihnen befohlen, die Menschen nicht zu töten, sondern nur zu quälen, fünf Monate lang. Und der Schmerz, den sie zufügen, ist so stark, wie wenn ein Skorpion einen Menschen sticht. In jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen, aber nicht finden; sie werden sterben wollen, aber der Tod wird vor ihnen fliehen. Und die Heuschrecken sehen aus wie Rosse, die zur Schlacht gerüstet sind. Auf ihren Köpfen tragen sie etwas, das Goldschimmernden Kränzen gleicht, und ihre Gesichter sind wie Gesichter von Menschen, ihr Haar ist wie Frauenhaar, ihr Gebiss wie ein Löwengebiss, ihre Brust wie ein eiserner Panzer; und das Rauschen ihrer Flügel ist wie das Dröhnen von Wagen von vielen Pferden, die sich in die Schlacht stürzen. Sie haben Schwänze und Stacheln wie Skorpione, und in ihren Schwänzen ist die Kraft, mit der sie den Menschen schaden, fünf Monate lang.“ (Offb 9, 1-10). Diese Verse beschreiben die unmittelbaren militärischen Gegenmaßnahmen nach einem atomaren Angriff. Die Abschuss-Basen für die Raketen mit Atomsprengköpfen und die Startbahnen für atomar bewaffnete Kampfflugzeuge sind in unterirdische Schächte und Bunker verlegt. Die angreifenden gegnerischen Atomraketen kommen aus der Höhe des Weltraums. Bei ihrem Wiedereintritt in die Atmosphäre verglühen die Umhüllungen der eigentlichen Sprengkörper, was so aussieht, als ob glühende Sterne vom Himmel fallen. Sie lösen die automatische Abwehr aus: Die Schächte der Raketen und die Bunker der Kampfflugzeuge werden automatisch geöffnet. „In der Automatisierung des Gegenschlags ist buchstäblich den niederstoßenden Satellitengeschoss der Schlüssel zur Eröffnung der unterirdischen Schächte gegeben“. Die Heuschrecken, die in den folgenden Versen beschrieben werden, sind die angreifenden atomar bewaffneten Kampfflugzeuge. „Mit ihrer Flügel- und Rumpfform, mit der Steifheit und den metallischen Glanz ihres Chitins, mit der Art der Körperhaltung und den Flugbewegungen hat die Heuschrecke mehr Ähnlichkeit mit dem Flugzeug als jedes andere flugfähige Tier“. Der Seher sieht die metallische Verschalung der Flugzeuge und vergleicht sie mit der Rüstung von Kampfrossen. Die Kanzeln mit ihren durchbrochenen Metallkonstruktionen vergleicht er mit goldfarbenen Kronen. Er erkennt die Gesichter der in den Kanzeln sitzenden Piloten. Die Kondensstreifen, die ein Gewirr feinster Nebelfäden ergeben, erinnern ihn an Frauenhaar. Die Verstrebungen und Verzahnungen der Kanzeln beschreibt er als Löwenzähne. Er hört den gewaltigen Lärm der Triebwerke und bezeichnet ihn als Flügelschlag, zu vergleichen mit dem Lärm vieler in den Kampf stürmender Streitwagen. Die Läufe der Bordwaffen erscheinen ihm als Schwänze und Stacheln wie von Skorpionen.

Ein letztes Beispiel für den verheerenden Landkrieg der Endzeit, der vom Signal des sechsten Posaunenengels eingeleitet wird: Riesige Heere marschieren gegeneinander auf. Unter ihnen sieht Johannes „Rosse und die darauf saßen: Sie hatten feuerrote und blaue und schwefelgelbe Panzer, und die Häupter der Rosse waren wie die Häupter der Löwen, und aus ihren Mäulern kam Feuer und Rauch und Schwefel... Denn die Kraft der Russe war in ihrem Maul und in ihren Schwänzen; denn ihre Schwänze waren den Schlangen gleich und hatten Häupter, und mit denen taten sie Schaden“ (Offb 9,17.19). Es handelt sich um Panzerwagen, die der Seher in Ermangelung eigener Begriffe mit gepanzerten Pferden und ihren Reitern vergleicht. Er sieht ihre Tarnfarben, ferner die schwerem Geschützrohre, die lang und schlank aus dem Panzer. ragen, und erkennt an deren Spitze die kopfförmig verdickte Rückstoßbremse, wie sie viele Panzertypen besitzen. Er vergleicht die Geschütze mit Schlangen, wie man früher auch bei uns die langen Geschütze allgemein als Schlangen“ bezeichnet hat (z.B. Feldschlangen), und er sieht das Mündungsfeuer aus dem „Maul des Kopfes“ am Laufende hervor schießen.

Noch viele Beispiele dieser Art, die exakte physikalische Beschreibungen möglich machen, könnten genannt werden. Philberth schließt mit dem Satz: „Die Allmacht Gottes hat von Anfang an die Welt mit seinem Wort so geschaffen, dass Leben nur im Lichte des Geistes Gottes ist. Doch die Finsternis hat es nicht ergriffen. Von Anfang an ist die Welt so geschaffen, dass das Abgefallene und Unwahrhaftige sich in sich selbst vernichtet auf Grund eines der Schöpfung mitgegebenen Gesetzes, mächtiger als alle Gesetze unseres Denkens, und unserer Apparaturen: die Gerechtigkeit“ (121).

[1] 10. Aufl. 1981 Christiana Verlag Stein a. Rh. – [2] Ich zitiere hier nach der gegenüber dem Original um etwa 1/3 verkürzten Taschenbuchausgabe, 9. Auflage bei Brockhaus, 1972.

 

Gemeinsames statt „allgemeines“ Priestertum

Von Hansjürgen Knoche

Hier ist angesichts heute üblicher Missverständnisse auf protestantischer Seite eine Erläuterung angebracht. Die Rede vom „allgemeinen“ oder besser gesagt: „gemeinsamen Priestertum“ aller Gläubigen kann sich besonders auf folgende Stellen aus dem Alten und Neuen Testament stützen: „Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sei. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören“ (Exodus 19,5-6). „Ihr alle aber werdet ‚Priester des Herrn‘ genannt, man sagt zu euch ‚Diener unseres Gottes‘“ (Jesaja 61,6). „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen... Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm...“ (1 Petrus 2,5.9). Die Schrift (auch schon das Alte Testament mit dem erblichen levitischen Priesteramt; vgl. Herbert Vorgrimler, Neues Theologisches Wörterbuch, 2000, 512) unterscheidet aber scharf zwischen dem gemeinsamen geistlichen Priestertum und dem Priesteramt bzw. öffentlichen Predigtamt. Neben der Fähigkeit, auf seine je eigene Weise das Wort Gottes zu verkünden, die jeder Christ besitzt, erfordert letzteres eine besondere Fähigkeit und eine besondere Berufung (durch Handauflegung!). Auch Luther hat beide trotz mancher missverständlicher Formulierungen in der Sache deutlich unterschieden (Pieper-Müller, Christliche Dogmatik, 1946, 724 f unter Bezugnahme auf 1 Timotheus 3,1-7; 5,22; Titus 1,6-12). Die private Verkündigung ist frei (und Aufgabe jedes getauften Christen). Die Schlüsselgewalt und die öffentliche Predigt sind aber auch nach Luther ein besonderes, von Gott eingesetztes Amt (Kurt Dietrich Schmidt, Grundriss der Kirchengeschichte, 4. Aufl. 1963, 316 f). Der übliche Sprachgebrauch „allgemeines“ ist missverständlich, weil er meist im Zusammenhang mit einem rein funktionalen Amtsverständnis (das geistliche Amt als bloße Delegation durch die Gemeinde, der Pfarrer als Gemeindefunktionär) ohne ein Amt, das als göttliche Stiftung der Gemeinde gegenübersteht, verstanden wird. Deshalb ist es angemessener, nicht von einem „allgemeinen“, sondern vom „gemeinsamen Priestertum“ aller Christen zu sprechen (so auch z. B. Herbert Vorgrimler, a. a. O. 512; Heinz Schütte, Ziel Kirchengemeinschaft, 5. Aufl. 1985, 142).

 

Nachruf

Am 29. September 2011 ist unser Bruder, Pfarrer em. und Oberstudienrat a. D. Dietrich Peitz (* 1927) zu unserem himmlischen Vater heimgegangen. Er hatte sich seit Jahrzehnten leidenschaftlich für die Versöhnung der Kirchen und die Einheit der Christen eingesetzt. Wir haben einen lieben Freund verloren und hoffen auf seine Fürsprache für unsere Anliegen im Himmel.

 

Eine Bitte an unsere Autoren

Geschäftsstelle und Redaktion sind mit PC ausgestattet, online und mit Email zu erreichen. Deshalb bitten wir Sie: Schicken Sie eine Diskette oder CD-ROM im MS Word - oder einen damit kompatiblen Format bzw. eine Email mit einer angehängten Datei ebenfalls im Word-Format. Bitte den Bindestrich nur als Bindestrich, niemals zur Silbentrennung, und das Enter nur am Ende des Absatzes anwenden. Wenn Sie auf Schreibmaschine schreiben sollten, benutzen sie bitte gereinigte Typen und ein frisches, kräftiges Farbband, und schicken Sie den Originaltext, damit er hier gescannt werden kann. Kopien  oder Faxe sind ungeeignet!  Alle Disketten und Originalmanuskripte schicken wir auf Wunsch gern zurück. Alle Zusendungen für die Bausteine bitte direkt an die Redaktion  (Adresse: s. unten).

Unser Spendenkonto

VR Genoba Fulda, BLZ 530 60180, Konto 4820

Sie können auch einen Dauerauftrag einrichten oder uns eine Abbuchungs-Ermächtigung geben (ein Formular schickt Ihnen die Geschäftsstelle).

Zu diesem Heft haben beigetragen

Dr. Hansjürgen Knoche S.Th.D., Seilerstr. 24, 30171 Hannover

Pfr. Lic.theol. Volkmar Walther, Feuerbachstr. 17, 01219 Dresden

Pfr. Ferry Suárez, Kirchplatz 3, 08451 Crimmitschau

Impressum

Herausgeber: Bund für evangelisch-katholische Einheit e.V.

Vorstand: Pfarrer Raymund B. Schwingel, Pfarrer Ferry Suárez, Pfarrer Lic.theol. Volkmar Walther

Geschäftsstelle: Pfr. Ferry Suárez, Kirchplatz 3, 08451 Crimmitschau, pfarrer.suarez.@laurentius-geeinde.de

Bezugspreis: gegen Spende. Als Förderer: im Beitrag von 20,00 E enthalten. Als Mitglied: im Beitrag von 40,00 E enthalten

Die Zeitschrift erscheint zwei- oder dreimal jährlich bei gleichem Gesamtumfang (insg. ca. 120 Seiten).

Bankverbindung: VR Genoba Fulda, BLZ 530 60180, Konto-Nr. 4820´

Redaktion: Dr. Hansjürgen Knoche, D-30171 Hannover, Seilerstr. 24

Neue Email: KnocheDrHannover@live.de

Internet: www.knochedrhannover.de.

Druck : Ev.-Luth. Kirchengemeindeverband Crimmitschau

Homepage: www.kgv-crimmitschau.de

Email: info@kgv-crimmitschau.de

Möchten Sie kostenlos die Online-Informationen der Bausteine-Redaktion beziehen?

Sie erscheinen nach Bedarf, etwa vier- bis fünfmal jährlich mit aktuellen Nachrichten oder Artikeln aus der Ökumene. Dafür teilen Sie bitte Ihre Email-Adresse mit.

 

Achtung! Wegen des großen internationalen Verteilerkreises müssen wir diese Informationen gruppenweise verschicken. Falls Sie eine Greylist haben, entfernen Sie aus dieser bitte die folgende Adresse der Online-Informationen:

KnocheDrHannover@live.de