Die allein gelassene Schrift (sola relicta scriptura)

Von Dr. Hansjürgen Knoche S.T.D.

Als eine der letzten evangelischen Landeskirchen hat nun auch Bayern homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern zugelassen, und das bevorstehende neue Pfarrdienstgesetz der EKD wird voraussichtlich eine entsprechende Regelung enthalten. Für den Erlanger Theologieprofessor Manfred Seitz stellt die Lutherische Kirche in Bayern damit das Antidiskriminierungsgesetz über die Heilige Schrift. Aber Landesbischof Friedrich, der dem Rat der EKD ange­hört und Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutsch­lands (VELKD) ist, hält „ver­antwortlich gelebte Partnerschaft“ nicht für Sünde. Homosexualität in der Bibel meine Götzendienst am Tempel mit Lustknaben und wechselnde Partnerschaften. Das freilich nenne er auch heute Sünde. Nur steht von dem, was Friedrich auch heute noch für Sünde hält, nichts in der Bibel. Diese  Reduzierung der Bedeutung eindeutiger Bibelstellen wie 1 Korinther 6,9; 1 Timotheus 1,10 ist exegetisch und kulturgeschichtlich unhaltbar. Es geht vielmehr darum, dass in der ganzen damaligen hellenistischen Welt die Homosexualität, nicht zuletzt in der Form der Päderastie, weit verbreitet, weitgehend geduldet, teilweise sogar staatlich gefördert war (zum Beispiel in der militärischen Ausbildung) und deshalb eine sittliche Bedrohung für die Gemeinden sein konnte. Es gibt Dutzende von Standardlehrbüchern über griechische Kultur-und Sittengeschichte, in denen man das nachlesen kann (z. B. Wörterbuch der Antike, 8. Aufl. Stuttgart 1976, Art. Päderastie m. weiteren Nachweisen; Kenneth J. Dover, Homosexualität in der griechischen Antike, München 1983; Carola Reinsberg, Ehe, Hetärentum und Knabenliebe im antiken Griechenland, München 1989; Wikipedia-Artikel „Homosexualität“ und „Päderastie“ u. v. a.). . Für Professor Wolfhart Pannenberg sind die biblischen Urteile über homosexuelles Verhalten  denn auch „eindeutig in ihrer mehr oder weniger scharfen Ablehnung, und alle biblischen Aussagen zu diesem The­ma stimmen ausnahmslos darin überein“. Der Lutherische Konvent im  Rheinland protestierte deshalb gegen die exegetischen „Zeitgeistlügen“ in der EKD. 1 Kor 6,9 und 1 Tim 1,10, die hier immer zitiert werden, sprechen auch nicht nur vom speziellen Fall der Tempelprostitution, sondern allgemein von Homosexuellen. Von Tempeln steht dort überhaupt nichts. Die im Urtext stehenden Wörter sind allgemeine Bezeichnungen für Homosexuelle und Päderasten (Griech. malakói, lat. mólles = Weichlinge, Lüstlinge, Männer, die sich sexuell missbrauchen lassen; abwertende Bezeichnung für Schwule. Griech. Arsenokóites, lat. masculorum concubitores, mit Männern und Knaben Unzucht Treibende). Wohlweislich weggelassen wird Röm 1, 18-31, wo ebenfalls nichts von Tempelknaben steht, sondern ein komplettes, sehr modern anmutendes Sittengemälde der Zeit vorgestellt wird. Nicht nur Schwule, sondern auch Lesben, Hurer (pórnoi) Wucherer und alle möglichen anderen Leute werden aufgezählt. Mit Recht bemerkte dazu der Vorsitzende des badischen Evangelischen Vereins für Innere Mission Augsburgischen Bekenntnisses, Achim Kellenberger, beim zentralen Gemeinschaftstag am 1. Mai in Karlsbad-Langensteinbach bei Karlsruhe, die Befürworter gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften interpretierten die Bibel solange um, bis das Wort Gottes zu dem passe, was heute opportun sei. Erinnert wurde sogar an die Barmer Theologische Erklärung von 1934, mit der sich die Bekennende Kirche gegen eine Anpassung des christlichen Bekenntnisses an den nationalsozialistischen Zeitgeist wandte. Dort hieß es: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“ Die evangelische Kirche befinde sich heute in einer ähnlichen Situation. Der Eindruck dränge sich geradezu auf, dass sich in der Diskussion über gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften im Pfarrhaus wiederhole, was in Barmen kritisiert worden sei. Die Preisgabe einer Ethik, die verbindliche Normen und Werte vermittle, sei in vollem Gange. Der Sprecher des „Initiativkreises Evangelisches Kirchenprofil“, Theologieprofessor Rainer Mayer, wirft der EKD vor, im Pfarrdienstgesetz würden biblische Gebote aus dem Zusammenhang gerissen und nach abstrakten Prinzipien umgedeutet. Der in den Paragraphen über „Ehe und Familie“ eingefügte Begriff des „familiären Zusammenlebens“ verschleiere die Gleichsetzung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften mit der Ehe. Dieses „kirchenpolitische Verhandlungsergebnis“ der EKD-Synode stehe im Widerspruch zum biblischen Zeugnis und breche mit der „Geschlechter- und Sexualethik, die in der weltweiten Christenheit von Beginn an gemeinsame Überzeugung war und ist“. Das verschärfe die Spannungen innerhalb der EKD. Die ideologischen Argumentationsmuster der politischen Schwulen- und Lesbenbewegung beeinflussten vielfach das kirchliche Denken. (Quelle: idea) – Das alles ist ein weiteres Beispiel für die systematischen Verletzungen des reformatorischen Prinzips „allein die Schrift“ (sola scriptura), wie es schon bei der Verpanschung von Ordination und Beauftragung im EKD-Votum „Ordnungsgemäß berufen“ und auch im moralischen Schwanken der EKD  bei der Beratung zum Schwangerschaftsabbruch und in der Debatte über die Präimplantationsdiagnostik zu sehen war. Der moralische Defekt liegt darin, dass solche Entscheidungen mit Rücksicht auf wirkliche oder vermeintliche Mehrheiten rein situativ getroffen werden. Bibelstellen, Bekenntnis­schriften oder Lutherzitate werden, nötigenfalls nach mehr oder weniger gewaltsamer Uminterpretation, nach­träglich übergestülpt.