Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers:

Rezension                                                              Pfr. Udo H. Justinus Beucker, München

 

Neuauflage: Paul Hacker, Das Ich im Glauben bei Martin Luther – Der Ursprung der anthropozentrischen Religion . Mit einem Vorwort von Papst Benedikt XVI., nova & vetera, Bonn 2009 (1st 1965), 318 Seiten, ISBN 978-3-936741-62-9, Preis 29,90 €

 

Was eint uns, was trennt uns?. 1

Zum Inhalt 1

Luthers Entwicklung. 2

Ein unkirchliches Glaubensverständnis. 2

Luthers Biblizismus. 2

Entwicklung der Lehre. 3

Defektes Heilsverständnis. 3

Fehlerhafte Bibelauslegung. 3

Abwendung von der Kirche. 4

Theologische Folgen.. 4

 

Was eint uns, was trennt uns?

Hat Luther den Glauben neu entdeckt, oder einen neuen Glauben für sich entdeckt (279)? Hacker fragt nach und geht dazu in die Texte Luthers zu diesem Thema. Luthers Idee des reflexiven, statuierenden, auf sich selbst zurückgebogenen (97) Glaubens und seine Entwicklung sind das Thema des Werkes von Prof. Paul Hacker (+1979), Bonn. Diese Studie des Indologen Paul Hacker ist ein wahrer Augenöffner! Sie systematisiert, was man „typisch-protestantisch“ nennen könnte. Und jede Information darüber ist eine willkommene Hilfe im ökumenischen Dialog, denn sie klärt manche Verstehens- und Verständigungsprobleme zwischen den Konfessionen. Manches Missverstehen könnte darin begründet sein, dass Katholiken und Protestanten ein anderes Verständnis davon haben und leben, was „Glaube/glauben“ ist.

 

Zum Inhalt

Hackers aufrüttelnde Darlegung, die Luther beim Wort nimmt, möchte ich zu 7 Thesen verdichten: I. Luther glaubt an seinen eigenen Glauben (56, 97) und nicht an Gott. Luther „macht diesen (sc. „Glauben“) faktisch zu einer selbst Gott übergeordneten Potenz“ (260, 271) und übt darin eine Form eines stets scheiterndem Selbsterlösungs-Versuchs (71, 260). II. Luther verbietet daher nicht nur die Liebe zu Gott (161, 164, 170-182, 280, 284), denn für Luther steht nicht die Liebe (147), auch nicht der mit Liebe durchwirkte Glaube, sondern der Wortglaube im Mittelpunkt des Christseins (153); in Umdeutung von 1Kor 13,13. III. Luther entpersonalisiert durch sein Modell des reflexiven „Glaubens“ das personale Geschehen auf einen innerpsychologischen Mechanismus (179f). IV. Christsein ist für Luther identisch mit: sich selber gerecht sprechen; mit: die Heilsgewissheit in sich fühlen und dafür verkrampft und auf wortmystische Weise seinen „Christus“ im eigenen Bewusstsein zu ergreifen. V. In seiner Auseinandersetzung mit der Lehre der Kirche kommt Luther zu der wiederholten Aussage: „In Sachen des Glaubens ist jeder Christ sich selber Papst und Kirche“ (237) und urteilt im „judicium interius“ (37) „certissime“ über den Gott, Christus, Glauben und Kirche, wodurch das jeweilige bewusste Ego an die Stelle Gottes, Christi, der Kirche tritt, die communio ersetzt und zur congregatio einzelner Ichs werden lässt (45). VI. Dieser religiöse Psychologismus zeige, so Hacker, das Wesen des Protestantismus bis heute, über Heidegger zu H. Gogarten und R. Bultmann (261). Und Hacker stellt klar: „Der reflexive Glaube aber verwechselt Vertrauen mit einer Bewusstseinsverfügbarkeit, und die Liebe will er strikt von sich fernhalten“(57). VII. Dieser „Glaube“ als statuierter „Trosttrotz“ (263f), eines „sibi arrogare“ (281) mündet schließlich in eine „pervertierte Spiritualität“ (268) oder „Fluchtspiritualität“ (289), deren Strukturen Hacker vor allem durch die Beschreibung von Luthers antibiblischer Sündenlehre belegt (262-270).

Luthers Entwicklung

Diesem „reflexiven“ oder „apprehensiven“ Glaubensmodell, folgt Luther ab 1518 in allen Teilen seiner Lehre oder formt sie danach um. Hacker weist dies durch Gegenüberstellung vorreformatorischer und nachreformatorischer Lutherzitate nach. Hacker korrigiert dabei immer wieder P. Althaus´ (271!), E. Bizer´s (230, 296-310), F. Gogartens (183f), R. Bultmanns (139) und H. J. Iwand´s Darstellungen über Luther durch Lutherzitate. Luther, so Hacker, entwickelt, aus einer Erfahrung von Glücksempfinden heraus, zwischen 1518 und 1520 für sich als Antwort auf sein persönlich schwieriges Verhältnis zu Gott (sc. seinem Gottesbild) und Sünde, das er in der Folge immer wieder neu in sich hervorrufen oder „statuieren“ muss. Dieser „Psychologismus“ (169) liefert Luther dann die erwünschte fast hermetische Verteidigung und Abschottung gegen alle anderen Meinungen. So dass er am Ende konstatiert, „wer meine Lehre nicht annimmt, nicht selig werden könne“ (237). Das geht soweit, dass Luther nachweislich Fehlübersetzungen in seiner Bibelübersetzung einbaut (83), die z. T. bis heute aus Traditionsgründen nicht korrigiert werden.

 

Ein unkirchliches Glaubensverständnis

Luther verdanken wir also eine typisch protestantische Verschiebung und Neufassung des christlichen Glaubensverständnisses, die bis heute Folgen hat. „Nicht wenige Prediger der Evangelischen Kirche stehen bis heute unter dem Bann der Gedankengänge Luthers über Verdienst und Lohn.“ (183) – Schon Kardinal Cajetan hatte Luther in ihrem persönlichen Verhör in Augsburg 1521 ermahnt, dass dies eine unbiblische Neuerung sei (53f).

Luther hatte jedoch darin sein persönliches Heil und die ihn selbst glücklich machende und theologische Verteidigung gegen die „Gewissenskrämpfe“ (291) durch Abschottung von außen in seinem inneren Bewusstsein gefunden. Diese zum „Heil“ (= Heilsgewissheit) stilisierte, auch „theologische (reformatorische) Entdeckung“ genannte Selbstabschließung, suchte Luther in der Folge nun überall abzusichern. Dazu wertet Luther die kirchlichen Auffassungen über Sakramente, Sünde (266f), Gebet (295), Gottesdienst (288), Märtyrer (277), Liebe (284), Demut (129f), Gewissen (286, 293f) und Versuchung (293f) um. Obwohl Luther persönlich ständig aus dem inneren „Glückseligkeitsgefühl“ herausfiel und auch manch Bibeltext und die christliche Tradition dem widersprechen, was er dachte und lehrte, verkrampft sich Luther erneut darin. Hacker zeigt, wie Luther widersprechende Bibeltexte ungenau zitiert, umdeutet, auslässt oder bloß dagegen polemisiert, ohne zu argumentieren. Hacker weist z.B. nach, dass Luthers oft zitierte Äußerung: „wenn ich nicht durch Gründe der Vernunft und aus der Heiligen Schrift widerlegt werde“, eine Unwahrheit war, denn wenige Sätze später sagt er, dass er Recht habe und sich keinesfalls irgendeiner anderen Meinung gegenüber veränderungsbereit zeigen werde. – Man muss aber feststellen: in fast allem ist die Lutherische Kirche ihrem Namensgeber darin dann nicht gefolgt.

Luthers Biblizismus

Um diesen „reflexiven und statuierenden Glauben“ zu verstehen, sollte man bedenken, dass Luther ein Opfer seiner Profession als Bibel-Professor wurde und an die Bibelworte glaubte (45, 115), also einer unaufgeklärten Wortmagie oder  biblizistischem Objektivismus“ (190) folgte, indem er einen „Bewusstseinsakt kategorisch als seinssetzend behauptete“ (259), die Bibel und ja, sogar seine eigenen Worte seien Gottes Wort (248), und nicht mehr der lebendige Christus (Joh. 5, 39f) im Gegenüber, sondern der „Gott für mich“ (286) in mir. Genauso wie er, Luther, die Bibelworte verstand, war es einzig richtig und mit Gottes eigenen Worten (248) und Gottes eigenem Verstehen und Willen identisch (222-237). So ersetzen die Bibelwörter Christus und Gott und Luthers Verständnis kommt über Gott selbst zu stehen. In seiner Stellung gegen die sog. „Sakramentierer“, die die persönliche Beziehungsgeschichte zwischen Gott-Mensch-Mitmensch-Ich-Selbst in der Begegnung mit dem Sakrament pflegten, verlegte Luther den Glauben von der Einheit von außen und innen, nur noch nach innen, in das Bewusstsein seiner je eigenen Vernunft (Heidegger, 10, 261).

 

 

 

Entwicklung der Lehre

Alle Lehre wurde zwischen 1518 und 1525 diesem neuen Glauben angepasst und unterwor-

fen. Hacker weist diese Entwicklung vom mystisch geprägten Augustinermönch  über die kurze Phase des echten „Reformators“, bis zum „Neuerer“, an vielen Originaltexten durch Text-Gegenüberstellungen nach. Er zeigt, wie die Anhänger der Luther-Renaissance nach Holl 1918, dies zwar erkennen, aber nicht zum Kern des veränderten Glaubensverständnisses Luthers vorstoßen, da sie Luthers Auffassungen selber teilen oder entschuldigen.

Hacker dagegen nimmt Luther beim Wort und stellt fest: Luther glaubte immer weniger an Gott, sondern immer mehr an sein eigenes Denken. Sein „Glaube“ wurde zurückgebogen in sich selbst. Jeder Irrtum, jede andere Interpretation, wurde ausgeschlossen (37, 66, 222, 225, 232f, 266). Wie immer macht sich darin natürlich jeder Mensch selbst zu Gott (260). Luther regiert so über Gott, bis hin zu Aussagen, dass nicht Demut, sondern Kampf und Streit (287) angesagt sei und der Heilige Geist zum Hass aufrufe (149) gegenüber allen, die anderer Meinung seien als er. Das Problem des Fundamentalismus aller Zeiten wird offenbar.

 

Defektes Heilsverständnis

Das christliche Heil ist für Luther ein Satz  und ergibt sich aus Bibelwörtern, die nur er richtig versteht, weil er es „ganz gewiss in sich fühlt“. Das Heil Christi ist also nur (!) im eigenen Bewusstsein vorhanden. Sakramente sind folglich auch nur (An-)Zeichen zur Stärkung eben dieses „Glaubensgefühls“ in mir. Die Sakramente bewirken durch ihre äußerliche Realität nichts (156), es kommt nur auf die Wörter aus der Bibel an (207), die im Ich gehört und verstanden werden. Luther missversteht also das „opus operatum“ (213f) – Auch das Heil der Welt spielt  keine Rolle. Die Welt wird sich selbst, bzw. dem „Zweiten Regiment“ der Fürsten überlassen. Glauben mutiert so zu einer Ideologie der Selbsterlösung (197: pacatos nos facimus, - wir machen uns zu Befriedeten), verliert sein grundsätzlich soziales Wesen und mutiert schließlich zum heutigen blassen und milden Kirchen-Humanismus (184)(= Säkularisierung der Liebe, 152f).

 

Fehlerhafte Bibelauslegung

Die sakramentale Gemeinschaft wird von Luther ebenso preisgegeben wie die Liebe, die Luther zu einem Werk in der Welt erklärt. Demut wird preisgegeben (129-134), um der Durchsetzung eines „ichbezogenen Bewusstseinskultes“(195) willen. In der Auslegung zahlreicher Bibelstellen, denen Luther damit widerspricht, und die vor allem zur johanneischen und paulinischen Theologie gehören, zeigt sich Luther entweder als nicht argumentierender Polemiker oder als Verdreher der Worte, der den Zusammenhang des zitierten Textteils übersieht. Hacker weist sehr schön, Bibelstelle für Bibelstelle, die eklatanten Fehler der Bibelauslegung Luthers nach. Kaum eine zentrale reformatorische Schrift (siehe S. 15), die Hacker dabei nicht berührt und heranzieht. So stellt Hacker neben die Würdigung vieler Gedanken Luthers jenen grundlegend unbiblischen und unkirchlichen des „reflexiven Glaubens“.

Wenn Luther dem Glauben die erste Stelle einräumt (160), und Glauben nur in mir als Glaubendem vorliegt und ich die Grenzen meines eigenen Ichs nur durch Worte überschreiten kann, entsteht so der ganze Theologenstreit um Wörter, Auslegungsweisen und in der Folge der sog. „persönliche Glauben“, der die Aufhebung der sakramentalen Gemeinschaft mit Christus dem Logos, dem eigentlichen und einzigen lebendigen Wort Gottes (Joh. 5, 39f) (Barmen I) der Welt bedeutet. Ein bis heute nicht endende Flut von „Bekenntnistexten“ aus Wörtern über Wörtern ist dann nur die logische Folge dieses Glaubensverständnisses.

 

 

 

Abwendung von der Kirche

Luthers neues protestantisches „Herbeiglauben“ des Heils (73f) in einer Art Autosuggestion (117), das zudem auf die Sündenvergebung zu einseitig (286) zugespitzt, also zum Heiligkeitsgefühl (125) privatisiert und psychologisiert wird, kann dann als eine Form von Selbsterlösung (71) auch auf den Zuspruch und die Vermittlung eines „Priesters“ verzichten, wie überhaupt auf die Kirche (237f). Denn „Verfügenwollen“ (96, 199) und „Selbstbehauptung“(97, 208f) stehen im Mittelpunkt dieses „Glaubens“. Das Reich Gottes mutiert zur persönlichen Heilsgewissheit (170) und wird dem Wohlbefinden der eigenen Psyche geopfert. Entscheidend ist nichts Äußerliches, sondern nur (!) der eigene innere Glaube im Bewusstsein (100f). Vergessen ist die eigene 7. These von Luthers 95: „Niemandem vergibt Gott eine Schuld, ohne ihn zugleich, in allem gedemütigt, seinem Stellvertreter, dem Priester, zu unterwerfen. (107) „Luther hat die neutestamentliche Ordnung umgekehrt.“ (79) Dem entspricht die Heilsauffassung Luthers: „Der Christ soll also im Hören des Gotteswortes das Brot, das Christus ist, essen, genießen, sich in ihn hineinglauben“, was einer Art „wortmystischer Praxis“ (115) oder Autosuggestion / Sichdisponieren (117) entspricht.

 

Theologische Folgen

Luthers neue Glaubensauffassung entwirft eine Theologie mit Folgen: I. Statt Ökumenizität und Katholizität, Konfessionalismus und Ich (persönlicher Glauben). II. Statt des Ineinander von Glauben-Liebe-Hoffnung, wobei die Liebe das Höchste ist (1. Kor 13, 13), wird der „Glaube“ von Luther zu einem isolierten Universalprinzip und mit dem eigenen Denken identifiziert, das dann als „Glauben“ deklariert wird. III. Statt des „seinspersonhaften, ewigen Leben enthaltenden durch den Sakramentsgenuss konstituierten Ineinander von Christus und seiner Kirche: Ihr in mir und ich in euch“(211), eine als „evangelische Freiheit“ (135, 234) bezeichnete psychische Verkrampfung im sich-selbst-einreden des Heiles zur Heilsgewissheit. IV. Statt Amt und Kirche (233-240), das eigene Ich. Wie Luther die entsprechenden Bibelstellen teilweise sogar bewusst falsch deutet oder einfach auslässt (237- 251), stellt Hacker an Originaltexten Luthers dar, was inhaltlich bis in die Texte der VELKD zu „Ordnungsgemäß berufen“ (2006) ungemindert nachwirkt.

Die aus Luthers hermetischen Absicherung eigener Unsicherheit und Ungeborgenheit entwickelnde Ich-Absicherung führt genau zu jener Unbelehrbarkeit, Konfessionalisierung, Ausgrenzung und Abgrenzung, jenem fanatischen Glaubenskampf, der für fundamentalistische Gruppen so typisch ist und uns manchen großen Krieg, viele Tote, und den Konfessionalismus damals wie heute gebracht hat und immer wieder erneuert.

Das neue Glaubensverständnis zwingt, sowohl die Lutherische, als auch die Römisch-Katholische Kirche seit 400 Jahren in eine unfruchtbare polemische Frontstellung zueinander, in der das abgewogen „Katholische“ kaum in den Blick kommt. Studenten lernen das mit den nie wirklich geklärten reformatorischen Streitigkeiten kennen, übernehmen deren Polemik, und aktualisieren sie je und je in ihrem Gemeindeumfeld heute. Der Grund für das zähe ökumenische Trauerspiel liegt zum großen Teil in diesem ungeklärten, unwidersprochenen reflexiven auf das Ich zurückgebogenen Glaubensverständnisses der geistigen Erben Martin Luthers.

Luther dagegen wunderte sich über die Lauheit und das Auseinanderlaufen derjenigen, die seiner Glaubensidee folgten. Er schrieb: „Je gewisser wir der Freiheit sind, die uns Christus erworben hat, um so kälter und träger werden wir im Dienst des Wortes, im Beten, im Tun des Guten, im Ertragen der Leiden“(151). Ja, an ihren Taten sollt ihr sie erkennen (1. Joh. 2, 1-6).

 

Als Hochkirchler kann ich sagen, dass mir Hacker meinen inneren Widerstand gegen den Protestantismus verständlich gemacht hat. Für diese „revelatio“, Zurückziehung des Schleiers, bin ich ihm dankbar.

Pfarrer Udo H. Justinus Beucker SJB, beucker@wtal.de